Warum zwei Biomarker mehr sagen als jede Wellness-Checkliste
Longevity-Content gibt es im Überfluss. Schlaf besser, iss weniger Zucker, meditiere, reduziere Stress. All das ist nicht falsch, aber es ist auch nicht präzise. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte zeigt, dass sich das Sterberisiko auf zwei messbare, trainierbare Größen verdichten lässt: VO2max und Muskelkraft.
Eine der eindrücklichsten Studien dazu ist die Arbeit von Peter Kokkinos et al., veröffentlicht im Journal of the American College of Cardiology. Sie verfolgte über 750.000 Veteran-Patienten und zeigte, dass eine niedrige kardiorespiratorische Fitness das Sterberisiko stärker vorhersagt als Bluthochdruck, erhöhter BMI oder schlechte Cholesterinwerte. Nicht leicht erhöht. Stark erhöht. Das ist kein Randeffekt.
Muskelkraft ergänzt dieses Bild auf eine Weise, die VO2max allein nicht abbilden kann. Die beiden Marker messen unterschiedliche Systeme. Wer beide kennt und trainiert, hat eine echte physiologische Grundlage für ein langes, funktionsfähiges Leben.

VO2max: Was die Schwellenwerte wirklich bedeuten
VO2max beschreibt, wie viel Sauerstoff dein Körper pro Minute und Kilogramm Körpergewicht bei maximaler Belastung aufnehmen und verwerten kann. Die Einheit ist ml/kg/min. Ein 45-jähriger Mann gilt laut Daten der Cooper-Klinik mit einem Wert über 44 ml/kg/min als überdurchschnittlich fit, ab etwa 52 ml/kg/min als "Elite" in seiner Altersklasse. Für Frauen in derselben Altersgruppe liegt die Eliteschwelle bei rund 42 ml/kg/min.
Das Problem: Bei inaktiven Erwachsenen sinkt der VO2max um etwa 10 Prozent pro Jahrzehnt, beginnend schon in den frühen Dreißigern. Ein 35-Jähriger mit einem Wert von 48 ml/kg/min hat mit 55 Jahren ohne Training noch rund 34 ml/kg/min übrig. Das reicht kaum noch, um einen schnellen Spaziergang mit Gepäck ohne Erschöpfung zu absolvieren. Wer dagegen regelmäßig ausdauertrainiert, halbiert diesen Rückgang grob auf 4 bis 5 Prozent pro Jahrzehnt.
Für die Praxis bedeutet das: Du brauchst keinen Spitzenathleten-Wert, um in die Niedrigrisikozone zu kommen. Die größte Sterblichkeitsreduktion passiert im Übergang von "sehr unfit" zu "moderat fit". In der JAMA-Studie von Mandsager et al. aus 2018 hatten Männer in der niedrigsten Fitnessquintile ein 5-fach höheres Sterberisiko als jene in der höchsten. Der Sprung von Quintile eins zu zwei brachte dabei die größte absolute Risikoreduktion.
Griffkraft und Muskelkraft: Die unterschätzte Hälfte der Gleichung
Griffkraft klingt wie eine Randmetrik. Sie ist es nicht. Die PURE-Studie, eine prospektive Kohortenstudie mit über 140.000 Teilnehmern aus 17 Ländern, zeigte, dass eine um 5 Kilogramm niedrigere Griffkraft mit einem um 17 Prozent höheren Risiko für Herzkreislaufsterblichkeit und einem um 16 Prozent höheren Risiko für Gesamtmortalität verbunden war. Das war unabhängig von Alter, Bildung, Lebensstil und körperlicher Aktivität.
Griffkraft ist dabei ein Proxy. Sie bildet die gesamte skelettale Muskelmasse und neuromuskuläre Effizienz ab, besser und günstiger als eine DEXA-Messung im Alltag. Für Männer im mittleren Lebensalter liegt ein kritischer Schwellenwert bei etwa 26 bis 30 kg pro Hand, für Frauen bei 16 bis 20 kg. Unter diesen Werten steigt das Risiko messbar an. Gemessen wird mit einem Handdynamometer, das in vielen Sportmedizinpraxen verfügbar ist und etwa 30 bis 80 Euro im Heimgebrauch kostet.
Unterkörperkraft ist ebenso relevant. Studien zeigen, dass Menschen, die aus dem Sitzen ohne Armunterstützung aufstehen können und dies mehrfach wiederholen, deutlich niedrigere Mortalitätsraten aufweisen. Der sogenannte "Sitting-Rising Test", bei dem du aus dem Schneidersitz aufstehst und dich wieder hinsetzt, ohne Hände, Knie oder Arme zu nutzen, ist ein einfaches Feldassessment. Wer 10 Punkte von 10 erreicht, hat in Studien ein deutlich besseres Langzeitüberleben gezeigt als jene mit 3 oder weniger Punkten.

Training, das beide Systeme gleichzeitig entwickelt
Die naheliegende Frage: Kann man VO2max und Muskelkraft gleichzeitig verbessern, oder behindern sich die Trainingsreize? Die ältere Sportphysiologie sprach vom "Interference Effect", also der Annahme, dass Ausdauer- und Krafttraining parallel die Adaptationen gegenseitig abschwächen. Neuere Forschung differenziert das deutlich.
Konkurrentes Training, also die Kombination beider Modalitäten innerhalb eines Wochenzyklus, funktioniert gut, wenn es periodisiert ist. Das bedeutet konkret:
- Hochintensives Intervalltraining (HIIT), zum Beispiel 4x4-Minuten-Intervalle bei 90 bis 95 Prozent der maximalen Herzfrequenz, ist der effektivste Reiz zur VO2max-Steigerung. Zwei Einheiten pro Woche reichen für deutliche Adaptationen.
- Schweres Krafttraining mit Grundübungen wie Kniebeuge, Kreuzheben und Drücken in Bereichen von 3 bis 6 Wiederholungen baut neuromuskuläre Kraft auf, ohne primär Hypertrophie zu fokussieren. Zwei bis drei Einheiten pro Woche sind ausreichend.
- Reihenfolge und Timing spielen eine Rolle. Wenn beide Trainingsarten am selben Tag stattfinden, sollte Kraft vor Ausdauer kommen, um die Qualität der Kraftadaptation zu sichern. Besser ist ein separater Tagesrhythmus.
Wichtig ist, dass der Gesamtumfang kontrolliert bleibt. Die größten Fehler im concurrent Training sind zu viel Volumen im Kraftbereich, das dann den Ausdauerreiz stört, oder umgekehrt. Ein strukturierter Vier-Tage-Plan mit zwei Kraft- und zwei HIIT-Einheiten plus einer moderaten Ausdauereinheit ist für die meisten Berufstätigen realistisch und physiologisch ausreichend.
Es ist nie zu spät: Warum der Einstieg mit 60 oder 70 noch zählt
Ein häufiges Missverständnis in der Longevity-Diskussion: Wer in jungen Jahren nicht trainiert hat, hat den Zug verpasst. Das stimmt nicht. Studien zeigen konsistent, dass auch Menschen, die erst mit 60, 65 oder 70 Jahren mit strukturiertem Training beginnen, eine signifikante Reduktion des Sterberisikos erzielen.
Eine Analyse im British Journal of Sports Medicine aus 2019 zeigte, dass inaktive Erwachsene, die im mittleren oder höheren Alter mit Sport begannen und dies über mehrere Jahre beibehielten, ein ähnlich niedriges Mortalitätsrisiko entwickelten wie jene, die ihr ganzes Leben aktiv waren. Der größte Schutzmechanismus war dabei weniger die absolute Fitnesshöhe, sondern die Aktivitätskontinuität über Zeit.
Für ältere Einsteiger gelten dieselben Trainingsprinzipien, aber angepasste Intensitäten. VO2max-Entwicklung ist auch im Alter durch HIIT möglich, wie Studien der Universitäten in Oslo und Trondheim belegen. Griffkraft und Unterkörperstärke reagieren auf Widerstandstraining selbst bei über 80-Jährigen noch deutlich messbar. Der Körper hat keine Deadline für Adaptation, nur für Inaktivität.
Das eigentliche Ziel ist nicht, mit 75 Jahren Bestzeiten zu laufen. Es ist, mit 75 Jahren die Treppen zu deiner Wohnung selbst hochzugehen, den Koffer zu heben und deinen Enkeln hinterherzulaufen. Dafür brauchst du keine perfekte Ernährungsstrategie oder teure Supplemente. Du brauchst einen VO2max, der dich kardiovaskulär puffert, und Muskeln, die dich metabolisch und strukturell stabilisieren. Beides ist trainierbar. Und beides beginnt heute.