Nutrition

Multivitamine bringen nichts: 450.000 Fälle zeigen es

Eine Johns-Hopkins-Analyse mit 450.000 Teilnehmern zeigt: Multivitamine schützen weder vor Herzerkrankungen noch vor Krebs oder kognitivem Abbau.

Close-up of scattered supplement capsules in orange, white, and yellow on a warm cream surface with soft shadows.

450.000 Menschen, eine klare Antwort

Forscher der Johns Hopkins University haben eine der größten Analysen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel durchgeführt, die je veröffentlicht wurde. Sie werteten Daten von rund 450.000 Menschen aus und kamen zu einem Ergebnis, das die Multivitamin-Industrie nicht gerne hört: Diese Präparate schützen weder vor Herzerkrankungen noch vor Krebs, kognitivem Abbau oder einem frühen Tod.

Das ist kein kleines Studienergebnis aus einem Labor. Das ist eine systematische Auswertung auf breiter Datenbasis, die zeigt, dass Millionen von Menschen jeden Monat Geld für etwas ausgeben, das schlicht keinen messbaren gesundheitlichen Nutzen bringt. Und das bei einem globalen Supplement-Markt, der mittlerweile über 50 Milliarden Dollar schwer ist.

Als Reaktion auf diese Befunde erschien im Fachjournal Annals of Internal Medicine ein Editorial mit einem unmissverständlichen Titel: „Enough Is Enough: Stop Wasting Money on Vitamin and Mineral Supplements". Auf Deutsch: Schluss damit. Hör auf, dein Geld für Vitamin- und Mineralstoffpräparate zu verschwenden. Selten formuliert die Wissenschaft eine Botschaft so direkt.

Was die Studie wirklich bedeutet

Die Forscher untersuchten drei große Bereiche: randomisierte kontrollierte Studien zu Vitaminen und Mineralstoffen, eine Analyse zu Multivitaminen und kognitivem Abbau sowie eine dritte Untersuchung zu Ernährungsgewohnheiten und Sterblichkeit. Alle drei kamen unabhängig voneinander zu demselben Schluss: Multivitaminpräparate liefern keinen nachweisbaren Schutz gegen die großen Krankheiten unserer Zeit.

Besonders aufschlussreich ist, was die Studie zur Herzgesundheit zeigt. Trotz jahrzehntelangem Marketing rund um Antioxidantien und herzschützende Nährstoffe fand sich kein Beleg dafür, dass Multivitamine das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall senken. Wer also jeden Morgen sein Präparat schluckt und denkt, das sei eine Art Versicherung für sein Herz, der irrt sich.

Beim Thema Krebs sieht es ähnlich aus. Kein signifikanter Schutzeffekt. Und für den kognitiven Abbau, der gerade in einer alternden Gesellschaft enorm viel Aufmerksamkeit bekommt, gilt dasselbe. Die Pille ersetzt nicht, was ein gesunder Lebensstil leisten kann.

Wenn Nahrungsergänzung zum Risiko wird

Noch beunruhigender als der fehlende Nutzen ist ein anderer Befund: Einige Supplements können bei hoher Dosierung aktiv schaden. Die Forscher nennen konkret Vitamin E und Beta-Carotin als Beispiele. Hochdosiertes Vitamin E steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Herzversagen und Prostatakrebs. Beta-Carotin, das häufig als Vorstufe von Vitamin A vermarktet wird, erhöhte in Studien das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern.

Das widerspricht dem, was viele Menschen intuitiv denken. Die Logik lautet oft: Wenn etwas gut ist, ist mehr davon besser. Bei Mikronährstoffen stimmt das schlicht nicht. Der Körper ist auf ein Gleichgewicht ausgelegt, das sich über Jahrtausende in Bezug auf echte Lebensmittel entwickelt hat. Hochkonzentrierte Einzeldosen aus einer Kapsel passen nicht in dieses System.

Besonders kritisch ist das für Menschen, die bereits mehrere Präparate kombinieren. Wer Multivitamine nimmt und zusätzlich einzelne Supplements wie Vitamin D, C oder E hinzufügt, kann schnell in Dosierungsbereiche geraten, die nicht mehr harmlos sind. Und das ganz ohne es zu merken.

Echte Nahrung statt Pillen aus der Dose

Die Empfehlung der Johns-Hopkins-Forscher ist klar: Hol dir deine Nährstoffe aus echten Lebensmitteln. Das klingt simpel, aber es steckt mehr dahinter als ein gut gemeinter Rat. Vollwertige Lebensmittel liefern Nährstoffe in Kombination mit Ballaststoffen, sekundären Pflanzenstoffen und Enzymen, die gemeinsam wirken. Diese Synergie lässt sich in keine Pille pressen.

Ein Apfel enthält nicht nur Vitamin C, sondern Hunderte von bioaktiven Verbindungen, die dein Immunsystem, deine Darmgesundheit und deine Zellen auf eine Weise beeinflussen, die wir noch nicht vollständig verstehen. Ein Multivitaminpräparat isoliert einzelne Mikronährstoffe aus diesem Kontext heraus. Was übrig bleibt, ist oft weniger wirksam als erhofft.

Das bedeutet nicht, dass Supplements in jedem Fall nutzlos sind. Es gibt klar definierte Situationen, in denen gezielte Supplementierung sinnvoll ist:

  • Vitamin D bei nachgewiesenem Mangel, besonders in den Wintermonaten oder bei wenig Sonnenlicht
  • Folsäure in der Schwangerschaft zur Prävention von Neuralrohrdefekten
  • Vitamin B12 bei veganer Ernährung, da dieser Nährstoff kaum in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommt
  • Eisen bei diagnostiziertem Eisenmangel, etwa bei starker Menstruation

Der entscheidende Unterschied: Diese Empfehlungen basieren auf einem konkreten, nachgewiesenen Bedarf. Ein allgemeines Multivitaminpräparat funktioniert nach einem anderen Prinzip. Es soll vorsorglich wirken, für alle gleichzeitig, unabhängig vom individuellen Status. Und genau das funktioniert nicht — wann Multivitamine wirklich sinnvoll sind, hängt immer vom individuellen Versorgungsstatus ab.

Der globale Multivitaminmarkt wächst trotzdem weiter. In Deutschland geben Verbraucher jedes Jahr Hunderte Millionen Euro für Supplements aus, die ihnen nach aktuellem Forschungsstand keinen nachweisbaren Vorteil bringen. Das ist kein persönlicher Vorwurf, denn das Marketing dieser Industrie ist überzeugend, die Produkte sind leicht zugänglich, und der Wunsch, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, ist verständlich.

Aber wenn Forscher nach der Auswertung von fast einer halben Million Datenpunkten sagen, dass es nicht funktioniert, dann sollte das zählen. Dein Geld, deine Gesundheit und deine Zeit sind es wert, auf Basis echter Evidenz eingesetzt zu werden.