Nutrition

Ergänzungsmittel: Warum der Absatz trotz Wachstum sinkt

Der Supplement-Markt wächst, doch die Verkäufe großer Marken sinken. Was hinter dem Widerspruch steckt und wie du trotzdem klug einkaufst.

Unmarked supplement bottles scattered and tipped over on cream linen, symbolizing market saturation.

Wachsender Markt, sinkende Verkäufe: Wie passt das zusammen?

Der globale Nahrungsergänzungsmittelmarkt wächst. Auf dem Papier sieht alles rosig aus: Prognosen sprechen von einem Marktvolumen von über 300 Milliarden Dollar bis 2028. Doch wer die Quartalszahlen großer Supplement-Hersteller genauer liest, stößt auf ein anderes Bild.

CEOs wie die von Herbalife, GNC oder NBTY berichten öffentlich von schwacher Verbraucherstimmung, besonders in den USA. Kaufzurückhaltung, sinkende Wiederkaufsraten, schrumpfende Warenkörbe. Der Markt wächst also, aber das Geld landet zunehmend woanders. Bei kleineren Direct-to-Consumer-Marken, bei Eigenmarken der Supermarktketten, oder gar nicht.

Der Grund ist kein Desinteresse an Gesundheit. Im Gegenteil: Das Bewusstsein für Prävention, Leistungsoptimierung und Wohlbefinden ist so hoch wie nie. Das eigentliche Problem ist Vertrauen. Oder genauer gesagt: der Mangel daran.

Influencer-Überflutung und regulatorischer Druck zermürben das Vertrauen

Scroll mal zehn Minuten durch Instagram oder TikTok. Innerhalb dieser Zeit wirst du wahrscheinlich für drei verschiedene Proteinpulver, zwei Collagen-Drinks und mindestens ein "game-changing" Fatburner-Supplement beworben. Jedes davon mit vollmundigen Versprechen, gesponsert von jemandem mit einem sechsstelligen Follower-Account und einem Rabattcode.

Diese Influencer-Überflutung hat einen Effekt erzeugt, den Marketingexperten als Buyer Fatigue bezeichnen. Zu viele Produkte, zu ähnliche Claims, zu wenig greifbarer Unterschied. Verbraucher können schlichtweg nicht mehr einschätzen, was wirklich funktioniert und was nur gut vermarktet ist. Das Ergebnis: Kaufentscheidungen werden aufgeschoben oder ganz vermieden.

Hinzu kommt regulatorischer Gegenwind. In den USA hat das National Institutes of Health (NIH) in den vergangenen Jahren den Fokus auf Supplement-Sicherheit und Wirksamkeitsbelege verschärft. Studien, die populäre Produkte wie hochdosiertes Vitamin E oder bestimmte Kräuterextrakte kritisch beleuchteten, haben breite Medienberichterstattung erfahren. Das hat das ohnehin fragile Vertrauen weiter erschüttert. Auch in Europa, wo die EFSA strenge Anforderungen an Health Claims stellt, kämpfen viele Marken damit, glaubwürdig zu kommunizieren, was ihre Produkte eigentlich dürfen und können. Die geplante Umstrukturierung des NIH-Supplements-Büros könnte diesen Druck in den kommenden Jahren weiter verstärken.

Das Paradoxe daran: Die Fragmentierung des Marktes treibt Innovation, bringt aber gleichzeitig unzählige Akteure hervor, die Qualitätsstandards ignorieren. Wenn ein Protein-Shake für 15 € im Discounter neben einem klinisch geprüften Produkt für 55 € im Regal steht, fällt die Einordnung ohne Hintergrundwissen schwer. Und genau dieses Hintergrundwissen fehlt den meisten Konsumenten.

Was seriöse Marken von Hype-Produkten unterscheidet

Die gute Nachricht: Es gibt klare Signale, die dir helfen, spreu vom Weizen zu trennen. Du musst kein Ernährungswissenschaftler sein, um fundierte Kaufentscheidungen zu treffen. Du brauchst nur zu wissen, wo du hinschauen musst.

Das wichtigste Kriterium ist Third-Party Testing. Seriöse Marken lassen ihre Produkte von unabhängigen Labors prüfen und tragen Zertifizierungen wie NSF International, Informed Sport oder USP auf der Verpackung. Diese Siegel bedeuten, dass ein externes Institut bestätigt hat, was tatsächlich in der Kapsel oder im Pulver steckt. Fehlen solche Zertifizierungen, ist das kein automatisches Ausschlusskriterium. Aber es erhöht die Skepsis.

Genauso wichtig ist die Transparenz beim Labeling. Vorsicht bei sogenannten Proprietary Blends. Das sind Mischungen mehrerer Zutaten, bei denen nur die Gesamtmenge angegeben wird, nicht die einzelnen Dosierungen. Das klingt nach einer Schutzmaßnahme für Rezeptgeheimnisse, ist aber häufig ein Mittel, um unterdosierte Wirkstoffe zu verbergen. Eine Marke, die nichts zu verbergen hat, zeigt dir genau, wie viel Milligramm von was in jeder Portion steckt.

Ein weiteres entscheidendes Merkmal ist die klinische Dosierung. Viele Produkte nennen Inhaltsstoffe, die tatsächlich in Studien untersucht wurden. Aber sie nutzen diese Namen als Marketingargument, während sie Mengen einsetzen, die weit unter der in der Forschung verwendeten Dosis liegen. Kreatin zum Beispiel ist einer der am besten untersuchten Wirkstoffe überhaupt. Eine effektive Tagesdosis liegt bei 3 bis 5 Gramm. Produkte, die 500 Milligramm pro Portion anbieten, können diese Wirkung schlicht nicht entfalten.

So kaufst du smarter, wenn das Vertrauen niedrig ist

Wenn du aktuell überlegst, ob du dein Supplement-Budget neu ausrichtest, gilt eine einfache Grundregel: Weniger, aber besser. Statt fünf halbgar recherchierte Produkte zu kaufen, lohnt es sich, ein oder zwei Produkte gründlich zu prüfen und dann dabei zu bleiben.

Nutze unabhängige Datenbanken wie Examine.com oder die Cochrane Library, um zu recherchieren, welche Wirkstoffe für deine spezifischen Ziele tatsächlich evidenzbasierte Unterstützung haben. Diese Quellen sind kostenlos, wissenschaftlich und frei von Affiliate-Interessen. Sie helfen dir, Produkt-Claims systematisch zu bewerten, bevor du 40 bis 80 € ausgibst.

Achte außerdem auf die Kommunikation der Marke selbst. Seriöse Unternehmen übersetzen Studienlage ehrlich in ihre Produktbeschreibungen, ohne übertriebene Versprechen. Sie verweisen auf konkrete Quellen, zeigen Einschränkungen auf und empfehlen Produkte nur für die Personengruppen, für die Belege vorliegen. Marken, die dir versprechen, dass ihr Produkt Fett verbrennt, Muskeln aufbaut und gleichzeitig den Schlaf verbessert, sollten sofort kritisch hinterfragt werden.

  • Third-Party-Siegel prüfen: NSF, Informed Sport oder USP auf der Verpackung sind gute Zeichen.
  • Proprietary Blends vermeiden: Wenn Einzeldosierungen nicht transparent ausgewiesen werden, ist Skepsis angebracht.
  • Klinische Dosen vergleichen: Recherchiere, welche Menge eines Wirkstoffs in Studien verwendet wurde, und vergleiche das mit der Produktdosierung.
  • Examine.com nutzen: Kostenlose, unabhängige Wirkstoffrecherche ohne kommerzielle Interessen.
  • Influencer-Codes ignorieren: Rabattcodes sind Marketing, keine Qualitätsaussage.
  • Preis-Leistung realistisch einschätzen: Ein günstiges Produkt kann gut sein. Ein teures muss es nicht sein.

Der Supplement-Markt wird nicht kleiner werden. Aber das Spielfeld verändert sich. Marken, die auf echte Transparenz setzen, werden langfristig gegenüber denen gewinnen, die auf Hype und Influencer-Deals bauen. Für dich als Konsument bedeutet das: Du hast mehr Macht, als du denkst. Dein Kaufverhalten entscheidet mit, welche Standards sich durchsetzen.