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Paris-Marathon: Der politische Streit dahinter

Der Paris-Marathon ist zum politischen Streitfall geworden. Wer das Rennen künftig organisiert, entscheidet über Startgebühren, Strecke und das Erlebnis für 50.000 Läufer.

Aerial view of the Champs-Élysées filled with 50,000 Paris Marathon runners beneath soft overcast light.

Ein Rennen, das mehr ist als Sport

Der Paris-Marathon gehört zu den größten Laufveranstaltungen der Welt. Über 50.000 Läuferinnen und Läufer starten jedes Jahr im April auf den Champs-Élysées, laufen durch Vincennes, vorbei am Eiffelturm und durchs Bois de Boulogne. Das ist Spektakel, das ist Tradition. Und das ist inzwischen auch Politik.

Was auf den ersten Blick wie eine organisatorische Detailfrage wirkt, hat sich in den vergangenen Monaten zu einer handfesten Debatte in der französischen Öffentlichkeit entwickelt. Die Frage, wer den Marathon organisieren darf, ist zum Streitfall geworden. Auf der einen Seite: die Amaury Sport Organisation (ASO), die den Marathon seit Jahrzehnten ausrichtet und das Rennen zu dem gemacht hat, was es heute ist. Auf der anderen: die Stadt Paris, der nationale Leichtathletikverband und verschiedene zivilgesellschaftliche Akteure, die alle eigene Vorstellungen davon haben, wohin die Reise gehen soll.

Dabei geht es um viel. Wer die Kontrolle über den Paris-Marathon hat, entscheidet über Startgebühren, Streckenführung, Charity-Partnerschaften und das gesamte Erlebnis für Tausende von Läuferinnen und Läufern. Das ist kein administrativer Kleinkram. Das ist eine echte Machtfrage.

Die Spieler und ihre Interessen

Die ASO ist kein unbeschriebenes Blatt. Das Unternehmen organisiert auch die Tour de France und Paris-Roubaix. Es bringt professionelle Strukturen, internationale Vermarktung und jahrzehntelange Erfahrung mit. Für viele ist die ASO schlicht der Grund, warum der Paris-Marathon auf Weltniveau mitspielt. Ohne dieses Know-how, so das Argument, wäre das Rennen ein regionales Event geblieben.

Die Stadt Paris sieht das naturgemäß anders. Bürgermeisterin Anne Hidalgo und ihr Team betonen, dass ein Großevent, das die Straßen der Stadt über Stunden blockiert, erhebliche kommunale Ressourcen beansprucht und das Image von Paris weltweit prägt, nicht allein in privater Hand liegen sollte. Die Stadt will mitbestimmen. Und sie hat gute Argumente: Der Marathon generiert jedes Jahr einen wirtschaftlichen Impact von geschätzten 50 bis 70 Millionen Euro für Paris und die Île-de-France-Region. Das ist Geld, das in Hotels, Restaurants, Transport und lokale Dienstleister fließt.

Dazu kommt der französische Leichtathletikverband, die FFA, der ebenfalls ein Mitspracherecht fordert. Verbände fühlen sich für die sportliche Integrität und die Standardisierung von Laufveranstaltungen zuständig. Das klingt bürokratisch, hat aber reale Konsequenzen: Wenn der Verband mitentscheidet, können sich Qualifikationsstandards, Wettkampfregeln und Eliteprogramme deutlich verschieben. Für ambitionierte Hobbyläufer, die auf ihre Boston-Qualifikationszeit hinarbeiten, ist das alles andere als unwichtig.

Was sich für dich als Läufer wirklich ändern könnte

Wenn du schon einmal beim Paris-Marathon dabei warst oder dich für einen Startplatz bewirbst, weißt du: Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Die Startgebühr liegt aktuell je nach Kategorie zwischen rund 100 und 140 €. Bei einem Wechsel des Veranstalters könnte dieser Preis steigen. Oder fallen. Oder das gesamte Vergabeverfahren für Startplätze könnte sich ändern.

Besonders relevant ist auch das Charity-Modell. Aktuell können viele Läuferinnen und Läufer über Charity-Kontingente starten, die von Organisationen wie der Fondation de France oder verschiedenen Krebshilfe-Organisationen vergeben werden. Wechselt der Veranstalter, können diese Partnerschaften neu verhandelt oder ganz gestrichen werden. Für Menschen, die den Marathon nutzen, um auf wichtige Themen aufmerksam zu machen oder Spenden zu sammeln, wäre das ein echter Verlust.

Auch das Streckenprofil ist nicht sakrosankt. Die aktuelle Route ist eng mit der DNA des Rennens verbunden, aber ein neuer Veranstalter könnte Anpassungen vornehmen, zum Beispiel um neue Sponsoren oder neue Stadtteile einzubinden. Was heute nach einer nervösen Grundsatzdiskussion klingt, kann morgen ganz konkret dein Rennen verändern.

  • Startgebühren: Mögliche Anpassung nach oben oder unten, je nach Verhandlungsergebnis
  • Charity-Startplätze: Partnerschaften könnten neu ausgehandelt oder gestrichen werden
  • Streckenführung: Anpassungen sind bei einem Organisationswechsel nicht ausgeschlossen
  • Eliteprogramm: Preisgeldstruktur und internationale Starterzulassungen könnten sich ändern
  • Logistik und Service: Von der App bis zum Gepäcktransport. Alles steht auf dem Prüfstand

Was andere europäische Marathons uns zeigen

Paris ist nicht das erste Mal, dass ein europäischer Stadtmarathon zum politischen Spielball wird. Der Berlin-Marathon etwa wird von der SCC Events GmbH ausgerichtet, arbeitet aber eng mit dem Berliner Senat und dem Deutschen Leichtathletik-Verband zusammen. Das Erfolgsmodell dort basiert auf klaren Vertragsstrukturen, die private Vermarktungsexpertise mit öffentlicher Mitsprache verbinden. Keiner bestimmt allein. Das Ergebnis ist eines der am besten organisierten Rennen der Welt.

In London funktioniert das ähnlich. Die London Marathon Events Ltd hat eine eigenständige Stiftung gegründet, die Millionen von Pfund in den Breitensport zurückfließen lässt. Das hat dafür gesorgt, dass der politische Druck auf das Rennen gering geblieben ist. Wer sehen kann, wie der Marathon der Gemeinschaft nützt, streitet seltener über Eigentümerschaft. Das ist ein Modell, das auch für Paris relevant sein könnte – zumal der London Marathon 2027 bereits 1,3 Millionen Bewerbungen verzeichnet und damit zeigt, wohin starke Veranstalterstrukturen führen können.

Weniger harmonisch verlief die Geschichte in Rom. Dort gab es jahrelange Auseinandersetzungen zwischen dem Stadtrat, privaten Veranstaltern und dem nationalen Leichtathletikverband, die das Rennen an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben. Starterzahlen sanken, internationale Sponsoren zogen sich zurück, und das Elitefeld verlor deutlich an Qualität. Rom hat sich inzwischen erholt, aber die Warnung ist klar: Wenn sich die Beteiligten nicht einigen können, zahlen am Ende die Läufer den Preis.

Für Paris bedeutet das: Die Stadt sitzt an einem Tisch mit erfahrenen Profis, echten politischen Interessen und einem Publikum von Tausenden von Läuferinnen und Läufern, die schlicht ein gutes Rennen wollen. Eine Lösung ist möglich. Berlin und London beweisen das. Aber sie erfordert, dass alle Beteiligten bereit sind, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Ob das in Paris gelingt, bleibt abzuwarten. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Entscheidungsträger den Marathon als das sehen, was er ist: ein Gemeinschaftsereignis, das – ähnlich wie große Marathons weltweit immer schneller ausverkauft sind – niemandem allein gehört.