Emotionale Erschöpfung schlägt Überstunden: Was eine neue Studie über Kündigungen verrät
Du arbeitest vielleicht nicht mehr Stunden als früher, aber du gehst trotzdem ausgebrannt nach Hause. Dieses Gefühl hat jetzt eine wissenschaftliche Grundlage. Das MissionSquare Research Institute hat im Juni 2026 eine Studie mit über 2.000 Beschäftigten aus dem öffentlichen und privaten Sektor veröffentlicht, und die Ergebnisse sind eindeutig: Nicht die Arbeitsbelastung an sich treibt Menschen zur Kündigung, sondern die emotionale Arbeit dahinter.
Emotionale Arbeit bedeutet, Gefühle zu regulieren, Empathie zu zeigen, Konflikte aufzufangen und professionell zu bleiben, auch wenn man innerlich längst am Limit ist. Wer täglich im Kundenkontakt steht, Teams durch Krisen führt oder in der Pflege arbeitet, kennt diesen unsichtbaren Aufwand genau. Die Studie zeigt, dass dieser Aufwand psychologisch schwerer wiegt als die reine Stundenzahl oder kognitive Anforderungen wie Konzentration und Problemlösung.
Das ist ein Paradigmenwechsel. Jahrelang haben Unternehmen Fluktuation mit Überstunden und Workload erklärt. Jetzt stellt sich heraus, dass die eigentliche Last eine ist, die sich nicht in der Zeiterfassung abbildet.
Was die Zahlen wirklich bedeuten und warum HR umdenken muss
In der MissionSquare-Studie wurde emotionale Arbeit als stärkster Einzelprädiktor für Stress, reduziertes Wohlbefinden und die Absicht, den Job zu wechseln, identifiziert. Sie übertrifft dabei sowohl das Arbeitsvolumen als auch kognitive Belastungen wie Entscheidungsdruck oder Informationsverarbeitung. Das gilt branchenübergreifend, ob im Gesundheitswesen, in der Verwaltung oder im Professional-Services-Bereich.
Was das für Personalverantwortliche bedeutet: Ein Mitarbeiter, der 40 Stunden pro Woche arbeitet, aber täglich schwierige Kundengespräche führt, Teammitglieder emotional auffängt und gleichzeitig seine eigenen Gefühle zurückhalten muss, ist gefährdeter für Burnout und Kündigung als jemand, der 50 Stunden mit klar definierten Aufgaben verbringt.
Die Konsequenz daraus ist unbequem, aber notwendig. Emotionale Belastung muss messbar und steuerbar werden. Nicht als nette Ergänzung zum Employee-Assistance-Programm, sondern als fester Bestandteil von Jobdesign, Gehaltsstruktur und Retention-Strategie. Wer das ignoriert, zahlt die Rechnung über Fluktuation, Krankenstand und sinkende Teamperformance – aktuelle Daten zeigen, dass Unternehmen mit einer formalen Mental-Health-Strategie immerhin 36 % weniger Kündigungen verzeichnen.
Emotionale Arbeit ist in vielen Branchen noch immer unsichtbar
Das Problem hat auch eine strukturelle Dimension. Emotionale Arbeit wird in vielen Berufen schlicht erwartet, ohne dass sie explizit anerkannt, vergütet oder in der Stellenbeschreibung auftaucht. Besonders betroffen sind Berufe mit hohem Publikumskontakt: Pflege, Sozialarbeit, Lehre, Kundenservice, aber auch Führungskräfte in mittleren Managementpositionen, die zwischen Unternehmensinteressen und Teamschutz jonglieren.
Die MissionSquare-Studie bezog bewusst sowohl öffentliche als auch private Arbeitgeber ein. Das macht die Ergebnisse auf breite Branchen anwendbar. Im öffentlichen Sektor, etwa in Behörden oder kommunalen Einrichtungen, ist emotionale Arbeit oft besonders hoch, weil die Mitarbeitenden mit vulnerablen Bevölkerungsgruppen arbeiten, gleichzeitig aber weniger Flexibilität und Ressourcen haben als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Privatwirtschaft.
Hier liegt auch ein systemisches Problem. Wer emotionale Arbeit nicht sichtbar macht, kann sie nicht fair verteilen. Teams, in denen eine Person ständig die emotionale Auffangfunktion übernimmt, weil sie besonders empathisch oder erfahren ist, zeigen höhere Burnout-Raten. Das lässt sich verhindern, aber nur, wenn Führungskräfte und HR-Teams anfangen, genau hinzuschauen – zumal Burnout Unternehmen durchschnittlich 46 verlorene Arbeitstage pro Mitarbeiter im Jahr kostet.
Wie Unternehmen jetzt konkret handeln können
Die Studie liefert keinen Zehn-Punkte-Plan, aber sie gibt eine klare Richtung vor. Emotionales Wohlbefinden muss in die Kernstruktur von Jobs eingebaut werden, nicht in Form von Obstkorb und Meditationsapp, sondern durch echte strukturelle Veränderungen. Das beginnt bei der Jobanalyse und endet bei der Vergütungsphilosophie.
Konkret bedeutet das zum Beispiel:
- Emotionale Belastung in Stellenprofilen erfassen: Wie viel Empathiearbeit, Konfliktmanagement und emotionale Regulation ist in einer Rolle tatsächlich enthalten? Diese Fragen sollten vor der Einstellung beantwortet und regelmäßig überprüft werden.
- Emotionalen Aufwand in Leistungsreviews sichtbar machen: Wer Teamkonflikte löst, schwierige Kundengespräche führt oder andere durch Krisen begleitet, leistet messbar mehr als das, was in klassischen KPIs auftaucht.
- Rotations- und Entlastungsmodelle einführen: Rollen mit besonders hoher emotionaler Last sollten regelmäßig rotieren oder mit gezielten Pufferzeiten ausgestattet werden, also Zeit ohne Kundenkontakt oder emotionale Verantwortung.
- Führungskräfte schulen, emotionale Last zu erkennen: Viele Teamleitungen sehen Erschöpfung erst, wenn sie schon zu Kündigung geführt hat. Früherkennung braucht Training und eine offene Feedbackkultur.
- EAP-Programme neu verankern: Employee-Assistance-Programme haben ihren Platz, reichen aber als alleinige Antwort nicht aus. Sie müssen durch strukturelle Maßnahmen ergänzt werden, nicht umgekehrt.
Für HR-Verantwortliche, die jetzt anfangen wollen, empfiehlt sich ein ehrlicher Blick auf die Rollen mit der höchsten Fluktuation im eigenen Unternehmen. In den meisten Fällen steckt dort auch die höchste emotionale Last. Die Frage ist nicht ob man handeln muss, sondern wie schnell.
Wer Mitarbeitende langfristig halten will, muss aufhören, emotionale Arbeit als Soft Skill zu behandeln. Sie ist harte Arbeit. Und sie hat einen Preis. Den zahlen momentan vor allem die Mitarbeitenden selbst.