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Zugübungen: das meistvernachlässigte Training

Die meisten Trainierenden drücken doppelt so viel, wie sie ziehen. Das kostet Kraft und verursacht Schulterprobleme. So korrigierst du das Verhältnis.

Male athlete performing a cable row exercise, scapulae retracted, pulling handle toward chest in a gym.

Warum dein Training wahrscheinlich aus dem Gleichgewicht geraten ist

Schau dir einen durchschnittlichen Trainingsplan im Fitnessstudio an, und du wirst schnell ein Muster erkennen. Bankdrücken, Schrägbankdrücken, Schulterdrücken, Dips. Die Drückbewegungen dominieren, während Rudern und Klimmzüge als Lückenfüller behandelt werden, die man am Ende des Trainings noch irgendwie reinquetscht.

Das ist kein Einzelfall. Es ist einer der häufigsten Programmierfehler im Freizeitsport. Die meisten Trainierenden drücken deutlich mehr, als sie ziehen. Ein Verhältnis von zwei zu eins oder sogar drei zu eins zugunsten der Drückbewegungen ist keine Seltenheit. Das Problem: Dein Körper merkt sich jede einzelne Wiederholung.

Über Monate und Jahre hinweg führt dieses Ungleichgewicht zu einer muskulären Dysbalance, die weit über die Ästhetik hinausgeht. Die vorderen Schultern werden dominant, die Brustmuskeln verkürzen sich, und die obere Rückenmuskulatur verliert an Kraft und Kontrolle. Das Resultat sind Schulterimpingements, chronische Nackenverspannungen und eine Rundrückenpostur, die selbst beim Aufwärmen schon auffällt.

Was die Forschung über vernachlässigte Zugbewegungen sagt

Eine 2026 veröffentlichte Studie zur Beziehung zwischen Oberkörperkraft und Sprintleistung hat etwas bestätigt, was erfahrene Coaches seit Jahren beobachten. In einer breiten Stichprobe von Sportlern und aktiven Freizeitsportlern war die Kraft der hinteren Oberkörpermuskulatur, also Rhomboiden, mittlerer und unterer Trapezius sowie die Außenrotatoren der Schulter, systematisch unterentwickelt. Nicht leicht schwächer. Sondern signifikant.

Das ist relevant, weil diese Muskelgruppen nicht nur für Stabilität sorgen, sondern aktiv zur Kraftübertragung beitragen. Beim Sprint, beim Werfen, beim Heben schwerer Lasten. Wer seinen hinteren Schultergürtel vernachlässigt, lässt auf der ganzen Linie Kraft liegen. Und das gilt für den Freizeitsportler genauso wie für den ambitionierten Athleten.

Die Studie zeigt außerdem, dass klassische Trainingsparameter wie Bankdrückgewicht oder Bizepsvolumen wenig über die tatsächliche funktionelle Oberkörperkraft aussagen. Ein Athlet mit beeindruckendem Bankdrücken, aber schwachen Zugbewegungen, ist strukturell anfälliger für Verletzungen und bewegt sich ineffizienter. Die Zahlen auf der Langhantel täuschen über das zugrunde liegende Problem hinweg.

Das richtige Verhältnis: Wie du die Balance konkret herstellst

Die pragmatischste Faustregel lautet: Für jede Drückserie solltest du mindestens eine, besser anderthalb bis zwei Zugserien einplanen. Das klingt viel, ist aber einfacher umzusetzen, als es zunächst wirkt. Du musst dein Training nicht komplett umwerfen. Du musst nur aufhören, Zugbewegungen als Nebensache zu behandeln.

Konkret bedeutet das, dass Rudern in seinen verschiedenen Varianten, ob Langhantelrudern, Kurzhantelrudern, Kabelrudern oder Maschinenrudern, denselben Planungsstatus erhält wie Bankdrücken. Klimmzüge und Latzug werden als primäre Übungen programmiert, nicht als Finisher. Und Face Pulls sowie Band-Außenrotationen kommen nicht aus Pflichtbewusstsein ans Ende des Trainings, sondern weil sie echte Arbeit leisten.

Ein einfaches Wochenbeispiel für einen Oberkörpertag könnte so aussehen:

  • Schrägbankdrücken: 4 Sätze
  • Langhantelrudern: 4 Sätze
  • Schulterdrücken: 3 Sätze
  • Klimmzüge oder Latzug: 3 Sätze
  • Dips: 3 Sätze
  • Face Pulls: 3 Sätze
  • Kurzhantelrudern: 3 Sätze

Das Verhältnis ist ausgeglichen oder kippt leicht zugunsten der Zugbewegungen. Genau da willst du hin.

Technik und Cues: Warum Schulterblatt-Retraktion alles verändert

Mehr Zugvolumen allein löst das Problem nicht vollständig. Wenn du Rudern und Klimmzüge mit schlechter Ausführung durchhämmerst, trainierst du vor allem Bizeps und Unterarme. Die tiefe Rückenmuskulatur bleibt dabei oft außen vor. Das entscheidende technische Element ist die Schulterblatt-Retraktion, auf Englisch als scapular retraction bezeichnet.

Beim Rudern bedeutet das: Bevor du ziehst, ziehs du die Schulterblätter aktiv zusammen und nach unten. Die Bewegung startet vom Rücken, nicht vom Ellenbogen. Ein einfacher Cue, der wirklich funktioniert, lautet: Stell dir vor, du willst eine Walnuss zwischen deinen Schulterblättern zerquetschen. Übertrieben? Vielleicht. Aber es bringt die richtige Muskelgruppe in den Fokus.

Bei Klimmzügen gilt dasselbe Prinzip. Viele Trainierende hängen passiv am Holm und ziehen dann mit allem, was sie haben. Dabei bleiben die Schultern hochgezogen und die Schulterblätter stehen ab. Die korrekte Ausführung beginnt mit einem aktiven Deprimieren der Schulterblätter, bevor der erste Zentimeter Bewegungsweg entsteht. Dieser kleine Unterschied macht den Übergang von einer Bizepsübung zu einer echten Rückenübung aus.

Face Pulls verdienen besondere Erwähnung, weil sie eine Muskelgruppe direkt ansprechen, die in kaum einer anderen Übung ausreichend belastet wird: den hinteren Deltamuskel und den oberen Trapezius in seiner Funktion als Schulterblatt-Stabilisator. Ziehe das Kabel auf Augenhöhe zu dir, führe die Hände seitlich am Kopf vorbei, und rotiere aktiv nach außen. Drei Sätze à 15 bis 20 Wiederholungen, zwei bis dreimal pro Woche, verändern die Schultergesundheit messbar.

Die gute Nachricht: Du brauchst keine Extrastunden im Studio. Du brauchst nur eine andere Prioritätensetzung. Ziehbewegungen rücken nach vorne, Drückbewegungen bleiben dort, wo sie sind. Das Training wird nicht länger. Es wird besser.