Running

Lucy Gossage: Neuer Frauen-FKT auf dem Pennine Way

Lucy Gossage hat den Women's Supported FKT auf dem Pennine Way gebrochen und 268 Meilen durch Englands anspruchsvollstes Terrain zurückgelegt.

A lone female runner mid-stride on a moorland ridge, silhouetted against vast rolling hills under overcast northern light.

268 Meilen durch Englands Rückgrat: Lucy Gossage schreibt Geschichte

Lucy Gossage hat auf dem Pennine Way eine neue Bestmarke gesetzt. Die britische Ausdauersportlerin absolvierte die 268 Meilen lange Strecke von Edale in Derbyshire bis nach Kirk Yetholm in Schottland schneller als jede Frau vor ihr. Der neue Women's Supported FKT ist offiziell bestätigt und stellt eine der bemerkenswertesten Leistungen im britischen Ultrarunning des Jahres dar.

Was den Pennine Way so besonders macht, ist nicht nur die schiere Länge. Die Route gilt als eine der anspruchsvollsten in ganz Großbritannien. Moorlandschaften, die bei Regen zu regelrechten Schlammfeldern werden, steile Aufstiege über Kalksteinplateaus und ein Wetter, das sich innerhalb von Minuten von strahlendem Sonnenschein in dichten Nebel verwandeln kann. Wer den Pennine Way läuft, kämpft nicht nur gegen die eigene Erschöpfung, sondern auch gegen ein Gelände, das einem buchstäblich jeden Schritt schwer macht.

Gossage ist kein unbeschriebenes Blatt im Ausdauersport. Als mehrfache Ironman-Siegerin bringt sie jahrelange Erfahrung mit extremen körperlichen Belastungen mit. Doch ein FKT-Versuch auf dem Pennine Way ist eine völlig andere Disziplin als ein Triathlon. Es geht darum, über mehrere Tage hinweg eine konstante Leistung abzurufen, mit minimalem Schlaf und maximalem Willen.

Was ein Supported FKT bedeutet und warum das kein Widerspruch ist

Der Begriff „Supported" klingt für manche nach einer Erleichterung. Das ist ein Irrtum. Bei einem Supported FKT steht zwar ein Crew-Team bereit, das Verpflegung, Ausrüstung und Motivation liefert. Aber jede einzelne Meile läuft die Athletin selbst. Keine Pausen, die über kurze Ruhephasen hinausgehen. Kein Fahrzeug, das auch nur einen Meter der Strecke übernimmt.

Das Crew-Team übernimmt in dieser Konstellation eine entscheidende Rolle. Es versorgt Gossage an festgelegten Punkten mit:

  • Kalorien und Flüssigkeit, die auf die aktuellen Bedingungen abgestimmt sind
  • Wechselkleidung und Ausrüstung, damit sie bei jedem Wetter optimal ausgestattet ist
  • Pacing-Unterstützung, bei der Teammitglieder auf Teilabschnitten mitlaufen
  • Navigation und Streckeninformationen, damit sie sich auf das Laufen konzentrieren kann

Der mentale Vorteil eines solchen Teams darf nicht unterschätzt werden. Wenn man nach 36 Stunden ohne richtigen Schlaf über ein dunkles Moor läuft und das Tempo halten soll, macht es einen enormen Unterschied, ob man allein unterwegs ist oder ob an der nächsten Kreuzung Menschen warten, die einem Suppe hinhalten und sagen, dass man es schafft.

Der Pennine Way: Eine Route, die keine Fehler verzeiht

Der Pennine Way wurde 1965 als erster offizieller National Trail Großbritanniens eröffnet. Er verläuft entlang des Pennine-Gebirges, das oft als das Rückgrat Englands bezeichnet wird. Wer die Route nicht kennt, stellt sich vielleicht eine gut markierte Wanderstrecke vor. Die Realität sieht anders aus.

Besonders berüchtigt sind die Moorabschnitte in den ersten Etappen rund um Bleaklow und Black Hill. Bei nassem Wetter versinkt man hier knietief im Torf, sofern man nicht absolut präzise navigiert. Auch der Abschnitt über den Cross Fell, den höchsten Punkt des Pennine Way auf über 890 Metern, kann bei schlechtem Wetter schnell gefährlich werden. Die Gesamthöhenmeter der Route übersteigen 11.000 Meter, was dem Aufstieg auf den Everest vom Meeresspiegel aus entspricht.

Für einen FKT-Versuch bedeutet das: Jede Entscheidung über Tempo, Route und Ausrüstung muss sitzen. Wer zu früh zu schnell läuft, zahlt das in den letzten 100 Meilen mit brutalen Einbußen. Wer zu langsam ist, schleppt sich durch die Schottischen Borders, ohne noch Reserven für den Endspurt zu haben. Gossage hat diesen Balanceakt gemeistert, was die eigentliche Qualität ihrer Leistung zeigt – ähnlich wie es Athletinnen fordern, die ihren Rennplan kurzfristig anpassen müssen, wenn Gelände oder Bedingungen nicht wie erwartet ausfallen.

Frauen an der Spitze des Ultrarunning: Ein Wandel, der gerade passiert

Gossages Rekord steht nicht allein. Anfang 2026 lief Megan Eckert 636 Meilen und setzte dabei einen neuen Frauenrekord, der die Ultrarunning-Community weltweit aufhorchen ließ. Ähnlich beeindruckend war Sophie Woods' FKT auf der Via Alpina, die die Route in unter 29 Tagen durchquerte. Es entsteht gerade ein klares Muster: Frauen dominieren nicht nur in ihrer eigenen Kategorie, sie verändern die Wahrnehmung davon, was menschliche Ausdauer leisten kann.

Ein Grund dafür liegt in der Physiologie. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Frauen bei sehr langen Belastungen tendenziell effizienter mit Energiereserven umgehen und Schmerz anders verarbeiten als Männer. Dazu kommt eine andere Herangehensweise an das Training und die Renneinteilung. Viele der erfolgreichsten Ultra-Athletinnen berichten davon, dass sie konservativer starten, besser auf Körpersignale hören und langfristiger planen.

Lucy Gossage verkörpert diesen Ansatz. Ihre Karriere hat sie gelehrt, Grenzen auszuloten, ohne sich selbst zu zerstören. Dass sie ihre Ironman-Erfahrung jetzt ins Trail- und Ultrarunning überträgt, ist kein Zufall. Es ist ein bewusster Schritt in eine Disziplin, in der mentale Stärke und strategisches Denken mindestens genauso viel zählen wie die körperliche Fitness. Ihr Rekord auf dem Pennine Way ist ein Statement. Nicht nur über sie selbst, sondern über das, was Frauen im Ausdauersport gerade leisten und was noch kommen wird.