Running

Frauen schreiben den Ultraausdauersport neu

Katharina Hartmuth, Jessie Diggins, Lucy Gossage: Warum 2026 ein Wendepunkt für Frauen im Ultra-Ausdauersport ist.

Female ultra-endurance runner mid-stride on a high alpine ridge at golden hour, trekking poles in hand.

Ein Jahr, das alles verändert

Manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass gerade Geschichte geschrieben wird. Aber wer 2026 die Ultra-Szene verfolgt hat, konnte es in Echtzeit beobachten: Frauen dominieren die Langdistanz auf eine Weise, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schien.

Den vielleicht symbolträchtigsten Moment lieferte Katharina Hartmuth beim TOR330. Das Tor des Géants ist eines der härtesten Mountainultra-Rennen der Welt. Über 330 Kilometer, mehr als 24.000 Höhenmeter, durch das Aostatal. Hartmuths Podiumsplatzierung beim TOR330 ist kein Zufallstreffer. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit und gleichzeitig ein Signal, das weit über das Rennen selbst hinausgeht.

Nur wenige Wochen zuvor hatte Jessie Diggins ihren ersten 100-Meilen-Start beim Superior 100 in Minnesota absolviert. Und gewonnen. Die Langläuferin und Olympiasiegerin, die auf Skiern Weltklasse war, bewies auf Trails dasselbe. Es sind keine Einzelfälle mehr. Es ist eine Welle.

Warum Frauen auf Ultradistanzen aufholen und überholen

Die Forschung deutete schon länger darauf hin: Je länger die Distanz, desto kleiner wird der Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern. Auf dem Marathon liegt der Abstand zwischen Weltrekorden bei rund elf Prozent. Über 100 Meilen oder 200-plus Kilometer schrumpft dieser Wert spürbar. Einige Studien zeigen, dass Frauen auf Extremdistanzen sogar strukturelle Vorteile mitbringen können.

Der Körper einer Frau verbrennt im Ausdauerbereich anteilig mehr Fett als Kohlenhydrate. Das ist bei kurzen Rennen kaum relevant, bei einem mehrtägigen Event aber ein echter Vorteil. Dazu kommt eine oft ausgeprägtere Fähigkeit zur Schmerztoleranz und zur mentalen Langzeitstabilität. Womit nicht gesagt ist, dass das biologisch determiniert ist. Es geht darum, was die Daten zeigen.

Lucy Gossage hat 2026 noch einen weiteren Beweis geliefert. Die ehemalige Ironman-Profi stellte eine neue Frauen-Bestzeit auf dem Pennine Way auf. Über 430 Kilometer querfeldein durch England, solo und unsupported. Ihre Zeit setzte eine neue Benchmark in einem Bereich, der lange von Männern dominiert wurde. Gossage selbst sagte nach dem Lauf: „Ich wollte zeigen, was möglich ist." Sie hat es gezeigt.

Was sich hinter den Ergebnissen verändert hat

Rekorde entstehen nicht im Vakuum. Hinter den Ergebnissen von 2026 stecken Veränderungen, die sich über Jahre aufgebaut haben. Coaching ist ein zentraler Punkt. Lange wurden Trainingspläne für Frauen einfach von Männerprogrammen abgeleitet, angepasst nur in der Intensität. Heute arbeiten immer mehr Trainerinnen und Trainer mit geschlechtsspezifischen Ansätzen, die Menstruationszyklus, hormonelle Schwankungen und individuelle Erholungszeiten berücksichtigen.

Auch die Ernährungswissenschaft hat aufgeholt. Für Ultras bedeutet Fueling alles. Wer falsch isst, scheitert nicht am Willen, sondern am Körper. Neue Erkenntnisse über den weiblichen Energiestoffwechsel fließen jetzt direkt in die Rennvorbereitung ein. Sportdiätistinnen, die auf Ultra spezialisiert sind, berichten von einer deutlich wachsenden Nachfrage aus der Frauen-Community.

Und dann ist da die Community selbst. Plattformen, Laufgruppen, Rennen mit besserer Sichtbarkeit für Frauen. Das Umfeld hat sich verändert. Wo früher der typische Ultrastarter männlich, Mitte 40, erfahrener Bergläufer war, sieht die Startaufstellung heute diverser aus. Mehr Frauen, mehr Altersgruppen, mehr Hintergründe. Das zieht nach. Wenn du siehst, dass andere Menschen wie du solche Rennen laufen und gewinnen, fängst du an, es dir selbst vorzustellen.

Was das fur dich bedeutet, auch wenn du keine Elite bist

Der Shift in der Elite hat eine direkte Wirkung auf den Breitensport. Denn was auf dem Podium passiert, verändert die Annahmen, mit denen normale Läuferinnen und Läufer an ihr Training herangehen. Ultra-Endurance war lange mit einem bestimmten Bild besetzt: Schmerzen aushalten, maximal viel laufen, Erholung als Schwäche verstehen. Dieses Bild war nie besonders hilfreich. Und es war immer auch ein bisschen männlich codiert.

Die Athletinnen, die 2026 auffallen, trainieren anders. Sie reden offen über Schlaf, über Fueling, über mentale Strategien, über das Anpassen von Trainingsblöcken an den eigenen Zyklus. Das ist keine Weichspülung des Sports. Das ist Präzision. Und es funktioniert offenbar besser als das alte Bild vom durchbeißen um jeden Preis.

Für alle, die selbst in der Ultra-Welt unterwegs sind oder dort hineinwachsen wollen, lässt sich daraus etwas ableiten:

  • Erholung ist kein Bonus. Sie ist ein Teil des Trainings. Die besten Ergebnisse entstehen nicht trotz Ruhephasen, sondern wegen ihnen.
  • Fueling macht den Unterschied. Nicht nur auf dem Rennen, auch im Training. Wer dauerhaft im Kaloriendefizit trainiert, zahlt dafür einen Preis, der sich oft erst viel später zeigt.
  • Gemeinschaft ist Leistung. Der Zugang zu einer aktiven Lauf-Community, ob lokal oder online, hat messbare Auswirkungen auf Trainingsqualität und Motivation.
  • Vorbilder verändern das Möglichkeitsfeld. Wenn du weißt, dass jemand wie du 100 Meilen laufen kann, fällt es leichter, den ersten Schritt zu wagen.

Hartmuth, Diggins, Gossage. Das sind keine Ausnahmen. Das sind Vorboten. Ultra-Endurance wird weiblicher, vielfältiger und in vieler Hinsicht smarter. Und das verändert den Sport für alle, die ihn lieben.