Running

Mit 50 Ultra laufen: Was Pommeret uns lehrt

Lukas Pommeret gewann den Hardrock 100 mit 50 Jahren und neuem Streckenrekord. Was Masters-Athleten uns über Langlebigkeit im Laufsport beibringen.

An older male runner mid-stride on a rocky alpine trail, bathed in warm golden-hour light.

Ein Sieg, der alles verändert

Lukas Pommeret ist 50 Jahre alt. Und er hat gerade den Hardrock 100 zum dritten Mal in Folge gewonnen. Nicht nur das. Er stellte dabei mit einer Zeit von 21:11:36 einen neuen Streckenrekord auf. Ein Ergebnis, das die Ultrarunning-Welt aufhorchen ließ.

Der Hardrock 100 gilt als einer der härtesten Hunderter der Welt. Über 4.000 Höhenmeter, Geröll, Schnee, dünne Luft auf über 4.000 Metern Seehöhe. Kein Kurs für Halbherzige. Und erst recht keiner, auf dem man im Alter von 50 Jahren schneller wird als je zuvor.

Pommerets Leistung ist kein Zufall und kein Wunder. Sie ist das Ergebnis jahrelanger, konsequenter Arbeit. Und sie wirft eine Frage auf, die jeden Läufer betrifft: Was wäre möglich, wenn wir mit zunehmendem Alter klüger statt nur härter trainieren würden?

Das Märchen vom Leistungsabfall nach 40

Es gibt eine weit verbreitete Überzeugung im Ausdauersport: Mit 40 geht es bergab. Die VO2max sinkt, die Regeneration dauert länger, das Verletzungsrisiko steigt. Alles davon stimmt. Aber keines davon bedeutet, dass Spitzenleistungen nicht mehr möglich sind.

Tatsächlich zeigen immer mehr Masters-Athleten, dass der Höhepunkt der Ausdauerleistung weiter hinausgeschoben werden kann als bisher angenommen. Besonders im Ultrabereich, wo Erfahrung, Tempokontrolle und mentale Stärke mindestens genauso wichtig sind wie reine Physiologie. Pommeret ist nicht trotz seines Alters erfolgreich. Er ist es auch deswegen.

Was die Wissenschaft bestätigt: Der aerobe Energiestoffwechsel altert langsamer als oft gedacht. Wer über Jahre eine starke aerobe Basis aufgebaut hat, kann diese deutlich länger erhalten als jemand, der auf kurzfristige Intensität setzt. Die Kurve fällt, ja. Aber bei manchen fällt sie verdammt flach.

Trainieren wie ein Masters-Athlet

Was macht Pommeret anders? Und was können wir als Läufer daraus lernen, unabhängig davon, ob wir 35 oder 55 sind? Die Antworten liegen nicht in revolutionären Trainingsplänen. Sie liegen in Prinzipien, die einfach klingen, aber konsequente Disziplin erfordern.

Regeneration ist Training. Masters-Läufer, die langfristig erfolgreich sind, behandeln Erholung nicht als Pause vom Training. Sie behandeln sie als Teil davon. Das bedeutet: mehr Schlaf, bewusste Ruhephasen, weniger Trainingseinheiten dafür qualitativ hochwertigere. Der Körper baut sich in der Erholung auf, nicht während der Belastung.

Dazu kommt die Verschiebung von Intensität hin zu Volumen. Jüngere Läufer kommen oft mit hohen Intensitäten davon, weil sich ihr Körper schnell erholt. Mit zunehmendem Alter ist es klüger, die aerobe Basis über viele ruhige Kilometer zu entwickeln. Nicht jede Einheit muss wehtun. Tatsächlich sollten die wenigsten wehtun.

  • 80/20-Regel: Ungefähr 80 Prozent des Trainings bei niedriger Intensität, 20 Prozent bei hoher. Diese Verteilung schont den Körper und steigert trotzdem die Leistung nachhaltig.
  • Schlaf priorisieren: Sieben bis neun Stunden pro Nacht sind für Masters-Athleten kein Luxus, sondern Voraussetzung für Fortschritt.
  • Krafttraining einbauen: Zwei Einheiten pro Woche reichen aus, um Muskelmasse und Knochen zu schützen und Verletzungen vorzubeugen.
  • Auf den Körper hören: Ein schmerzendes Knie ignorieren weil der Trainingsplan es verlangt, ist keine Stärke. Es ist Dummheit.

Kontinuität schlägt jede Abkürzung

Pommerets dritter Sieg beim Hardrock ist nicht das Produkt eines einzigen guten Trainingsjahres. Es ist das Ergebnis von mehr als zwei Jahrzehnten konsequentem Laufen. Diese Kontinuität ist das vielleicht mächtigste Werkzeug, das Masters-Athleten besitzen.

Je länger du trainierst, desto besser kennt dein Körper die Anforderungen. Sehnen und Bänder werden belastbarer. Dein Nervensystem wird effizienter. Dein Kopf lernt, mit Schmerz, Erschöpfung und Unsicherheit umzugehen. Diese Anpassungen summieren sich über Jahre. Und sie sind nicht mit Geld zu kaufen.

Das bedeutet aber auch: Verletzungen sind der größte Feind der Kontinuität. Wer regelmäßig verletzt ist, verliert nicht nur Trainingswochen. Er verliert den Aufbau, der aus Jahren entsteht. Masters-Athleten, die langfristig erfolgreich sind, haben eine fast manische Aufmerksamkeit für Signale ihres Körpers. Sie reduzieren, bevor es wehtut. Sie erholen sich, bevor es nötig wird.

Dazu kommt die mentale Dimension. Mit 50 weißt du, wer du bist. Du weißt, wie du reagierst, wenn es schwer wird. Du weißt, was dich antreibt und was dich ausbremst. Diese Selbstkenntnis ist im Rennen Gold wert. Pommeret lief den Hardrock 100 nicht wie ein aufgedrehter Zwanzigjähriger. Er lief ihn wie jemand, der genau weiß, was er tut.

Was du heute anders machen kannst

Du musst kein Elite-Ultrarunner sein, um von diesen Prinzipien zu profitieren. Ob du deinen ersten Halbmarathon planst oder schon seit 20 Jahren läufst. Die Frage ist dieselbe: Trainierst du auf die nächsten Monate. Oder auf die nächsten Jahrzehnte?

Das verändert, wie du jede einzelne Entscheidung triffst. Die Entscheidung, eine Einheit zu streichen, wenn du krank bist. Die Entscheidung, das Tempo im Training zu drosseln, auch wenn du dich gut fühlst. Die Entscheidung, Schlaf über Netflix zu stellen. Kleine Entscheidungen. Große Wirkung über die Zeit.

Pommeret hat uns gezeigt, was möglich ist, wenn man diesen Gedanken ernst nimmt. 50 Jahre alt. Streckenrekord. Dritter Titel. Das ist keine Geschichte über außergewöhnliche Gene. Es ist eine Geschichte über außergewöhnliche Geduld — so wie Courtney Dauwalter beim Chianti Ultra Trail bewies, dass Klugheit im Rennen Talent schlägt.