Nutrition

Multivitamine und Altern: Was die Wissenschaft wirklich sagt

Die COSMOS-Studie sorgte für Schlagzeilen, aber Experten bremsen den Hype. Was die Daten zu Multivitaminen und Altern wirklich zeigen.

Weathered hands of an older adult holding a single multivitamin capsule next to a glass of water.

Die COSMOS-Studie und was sie wirklich gemessen hat

Die Schlagzeilen klangen verlockend: Eine große amerikanische Studie soll bewiesen haben, dass ein tägliches Multivitaminpräparat den biologischen Alterungsprozess verlangsamt. Die Rede ist von der COSMOS-Studie (COcoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study), die ursprünglich auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs ausgerichtet war. Forscher werteten dabei auch epigenetische Daten aus und schauten sich sogenannte DNA-Methylierungsmuster an. Diese Muster gelten als Marker für das biologische Alter.

Das Ergebnis: Teilnehmer, die täglich ein Multivitaminpräparat einnahmen, zeigten nach drei Jahren biologisch messbar weniger Alterung als die Placebo-Gruppe. Der Unterschied belief sich auf etwa 1,5 bis 2,2 Jahre biologischer Alterung. Klingt nach einem Durchbruch. Ist es aber nicht ganz. Denn der Effekt war zwar statistisch signifikant, aber die Effektgröße selbst ist klein. Und bei einer Studie dieser Größenordnung tauchen statistische Signifikanzen schnell auf, ohne dass sie im Alltag einen spürbaren Unterschied machen.

Hinzu kommt: Die Analyse der epigenetischen Uhren war eine Sekundärauswertung. Das bedeutet, sie war nicht das primäre Ziel der Studie. Sekundäranalysen liefern wertvolle Hinweise, gelten aber in der Wissenschaft als weniger belastbar als vorab definierte Hauptziele. Das macht die Ergebnisse nicht wertlos. Es bedeutet nur, dass du sie mit einer gesunden Portion Skepsis lesen solltest.

Warum Beobachtungsdaten kein Beweis sind

Selbst wenn man die Ergebnisse der COSMOS-Studie ernst nimmt, bleibt ein zentrales Problem: Korrelation ist keine Kausalität. Menschen, die regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel nehmen, unterscheiden sich in vielen Punkten von Menschen, die das nicht tun. Sie achten häufiger auf ihre Ernährung, schlafen besser, treiben mehr Sport und gehen regelmäßiger zum Arzt. Dieser sogenannte Healthy-User-Bias ist in der Ernährungswissenschaft ein bekanntes und hartnäckiges Problem.

Mehrere Expertinnen und Experten haben genau das nach der Veröffentlichung kritisiert. Die Biostatistikerin Dr. JoAnn Manson, die selbst an COSMOS beteiligt war, hat betont, dass die Ergebnisse als vorläufig zu verstehen sind. Andere Forscher, darunter Kritiker aus dem Bereich der klinischen Epidemiologie, wiesen darauf hin, dass die Kontrollgruppe im Durchschnitt jünger war und andere Lebensstilgewohnheiten hatte. Solche Unterschiede lassen sich statistisch kaum vollständig herausrechnen.

Das bedeutet nicht, dass Multivitamine nutzlos sind. Es bedeutet, dass wir schlicht nicht wissen, ob der beobachtete Effekt auf das Präparat zurückgeht oder auf den Lebensstil der Menschen, die es nehmen. Um das zu beantworten, bräuchte man randomisierte, kontrollierte Langzeitstudien mit klar definierten Biomarkern. Die gibt es in dieser Qualität bisher nicht. Und das ist eine Lücke, die ehrlich kommuniziert werden muss.

Welche Mikronährstoffe wirklich zählen

Was die Forschung deutlich klarer zeigt: Spezifische Mikronährstoffmängel sind weit verbreitet und haben echte Auswirkungen auf Gesundheit und Alterungsprozesse. Drei Kandidaten stechen dabei besonders hervor.

  • Vitamin B12: Etwa 20 Prozent der Menschen über 60 haben einen suboptimalen B12-Spiegel, weil die Aufnahmefähigkeit im Magen-Darm-Trakt mit dem Alter abnimmt. Ein Mangel wird mit kognitivem Abbau, Erschöpfung und neurologischen Problemen in Verbindung gebracht. Wer sich vegan oder vegetarisch ernährt, ist zusätzlich gefährdet.
  • Vitamin D: In nördlichen Breiten, also auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sind niedrige Vitamin-D-Spiegel in der Bevölkerung die Regel, nicht die Ausnahme. Besonders in den Wintermonaten reicht die Sonneneinstrahlung nicht aus, um den Bedarf zu decken. Vitamin D und seine Wirkung spielt eine Rolle bei Immunfunktion, Knochengesundheit und möglicherweise auch bei chronischen Entzündungsprozessen.
  • Magnesium: Schätzungen zufolge nehmen viele Erwachsene in Deutschland weniger Magnesium auf als empfohlen. Magnesium ist an über 300 enzymatischen Reaktionen im Körper beteiligt. Ein Mangel äußert sich oft schleichend durch Muskelkrämpfe, Schlafprobleme oder erhöhte Stressanfälligkeit.

Das Entscheidende: Ein klassisches Multivitaminpräparat enthält diese Nährstoffe oft in zu geringen Mengen oder in Formen, die der Körper schlecht aufnehmen kann. Magnesiumoxid zum Beispiel, das in vielen günstigen Kombipräparaten steckt, hat eine deutlich schlechtere Bioverfügbarkeit als Magnesiumcitrat oder Magnesiumglycinat. Du zahlst also für etwas, das dein Körper zum Großteil wieder ausscheidet.

Sinnvoller ist es deshalb, gezielt vorzugehen. Lass deinen Arzt oder deine Ärztin relevante Werte im Blut bestimmen, bevor du anfängst, Geld für Nahrungsergänzung auszugeben. Ein einfaches Blutbild kostet je nach Land und Versicherung zwischen 20 und 80 Euro und gibt dir eine echte Grundlage für Entscheidungen. Das ist evidenzbasiertes Handeln statt Marketing folgen.

Was du aus der aktuellen Forschung mitnehmen kannst

Die COSMOS-Daten sind ein interessanter Ausgangspunkt für weitere Forschung. Aber sie rechtfertigen keine generelle Empfehlung, dass alle Menschen täglich ein Multivitaminpräparat schlucken sollten. Das sagen im Übrigen auch die meisten Ernährungsfachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht in der Regel keine Supplementierung. Die Realität ist allerdings, dass viele Menschen das nicht tun.

Wenn du zu einer Risikogruppe gehörst. also über 60 bist, dich vegan ernährst, wenig Sonne abbekommst oder bestimmte Medikamente wie Metformin oder Protonenpumpenhemmer nimmst, dann sind gezielte Ergänzungen absolut sinnvoll. Nicht wegen der biologischen Uhr, sondern weil bekannte Mängel bekannte Konsequenzen haben und sich gezielt beheben lassen.

Was sich dagegen nicht lohnt: teure Premium-Multivitaminpräparate zu kaufen in der Hoffnung, damit die Alterung aufzuhalten. Die Studienlage dafür ist zu dünn, die Effektgrößen zu klein und der Healthy-User-Bias zu groß. Dein Geld ist besser investiert in eine gute Ernährungsbasis, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und. wenn nötig. in die gezielte Supplementierung einzelner Nährstoffe nach einem Bluttest. Das ist der Stand der Wissenschaft. Alles andere ist vorerst noch Hoffnung.