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120g Kohlenhydrate pro Stunde: die neue Marathonregel

Neue Daten zeigen: 120g Kohlenhydrate pro Stunde verbessern die Laufökonomie um 3 %. Der Schlüssel ist Darmtraining, kein Willpower-Akt.

Warum 60 Gramm pro Stunde nicht mehr reichen

Jahrelang galt eine Regel im Ausdauersport als unverrückbar: Mehr als 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde kann der Körper schlicht nicht verwerten. Wer mehr aß, riskierte Magenprobleme und brachte sich damit eher um Tempo als um einen Vorteil. Diese Grenze wurde so oft wiederholt, dass sie sich tief ins kollektive Trainingswissen eingebrannt hat.

Neue Forschungsergebnisse rücken diese Zahl jetzt entschieden ins Abseits. Eine aktuelle Studie mit Elite-Marathonläufern zeigt, dass eine Zufuhr von 120 Gramm Kohlenhydraten pro Stunde nicht nur sicher möglich ist, sondern messbare Leistungsvorteile bringt. Die Probanden, die mit dieser höheren Menge liefen, verbrannten mehr Kohlenhydrate pro Minute und zeigten dabei eine rund drei Prozent bessere Laufökonomie als die Vergleichsgruppe mit 60 Gramm.

Drei Prozent klingt nach wenig. Im Marathon bedeutet das bei einer Zielzeit von drei Stunden aber gut fünf Minuten. Das ist kein marginaler Effekt mehr, das ist echter Zeitgewinn. Und das Spannende daran: Das Prinzip funktioniert nicht nur für Profis.

Was Laufökonomie mit Kohlenhydraten zu tun hat

Laufökonomie beschreibt, wie viel Energie dein Körper bei einem bestimmten Tempo verbraucht. Je besser die Laufökonomie, desto weniger Sauerstoff brauchst du für dieselbe Geschwindigkeit. Normalerweise trainierst du diese Eigenschaft durch Technik, Kraftarbeit und gezielte Intervall-Einheiten. Dass Ernährung dabei direkt eingreift, war bislang weniger klar.

Der Mechanismus hinter dem 120-Gramm-Effekt liegt in der Kohlenhydratoxidation. Wenn du genug verwertbare Kohlenhydrate lieferst, kann dein Körper diese im Rennen effizienter als Treibstoff nutzen, ohne auf Fettverbrennung oder muskuläre Glykogenspeicher zurückzugreifen. Das Ergebnis: Du läufst bei gleicher Anstrengung schneller oder bei gleichem Tempo mit weniger Aufwand. Die Muskulatur ermüdet langsamer, die Mechanik bleibt länger sauber.

Damit das funktioniert, muss der Körper aber zwei verschiedene Kohlenhydrattransporter gleichzeitig einsetzen. Glucose nutzt den SGLT1-Transporter, Fructose den GLUT5-Transporter. Eine Kombination aus beiden, zum Beispiel im Verhältnis 2:1 oder 1:0,8, ermöglicht erst die hohen Aufnahmeraten. Produkte, die nur Maltodextrin oder Glucose enthalten, stoßen deutlich früher an ihre Grenzen.

Darmtraining: Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg

Das größte Missverständnis rund um 120 Gramm pro Stunde ist der Gedanke, dass Willenskraft oder Magenstärke entscheidend sind. Wer einfach morgen seine Gelportion verdoppelt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen sehr unangenehmen langen Lauf erleben. Das Geheimnis liegt nicht in der Menge, sondern in der systematischen Vorbereitung des Verdauungssystems.

Darmtraining bedeutet, den Magen-Darm-Trakt progressiv an höhere Kohlenhydratzufuhr während des Sports zu gewöhnen. Ähnlich wie du Laufumfang langsam steigerst, erhöhst du die Kohlenhydratzufuhr beim Training schrittweise über Wochen. Der Darm reagiert darauf mit strukturellen Anpassungen: Er produziert mehr Transportproteine und verarbeitet Zucker schneller, ohne die üblichen Symptome wie Übelkeit, Blähungen oder Krämpfe.

Für Elite-Athleten ist dieses Protokoll längst Standard. Läufer wie Eliud Kipchoge und viele andere Weltklasse-Marathonis trainieren ihren Darm genauso systematisch wie ihre Lunge oder ihre Beine. Was neu ist: Die Wissenschaft liefert jetzt klare Daten, die zeigen, dass auch Freizeitläufer davon profitieren können, wenn sie den Prozess strukturiert angehen.

So setzt du höhere Kohlenhydratzufuhr in der Praxis um

Darmtraining beginnt nicht im Wettkampf und nicht mal in der letzten Trainingswoche. Es braucht Zeit, typischerweise vier bis acht Wochen regelmäßiger Einheiten mit Kohlenhydratzufuhr während des Laufens. Der Einstieg ist einfacher als du denkst.

Starte bei langen Läufen mit dem, was sich für dich normal anfühlt, vielleicht 40 bis 60 Gramm pro Stunde. Alle ein bis zwei Wochen erhöhst du die Menge leicht, indem du ein zusätzliches Gel oder eine Portion Getränk einsetzt. Achte dabei auf Produkte mit einem Glucose-Fructose-Gemisch, da diese höhere Aufnahmemengen überhaupt erst ermöglichen. Reine Glucosequellen stoppen bei etwa 60 Gramm.

Auf folgende Punkte kommt es in der Umsetzung besonders an:

  • Regelmäßige Zufuhr: Alle 20 bis 30 Minuten kleine Mengen aufnehmen ist besser als große Portionen auf einmal.
  • Flüssigkeit: Kohlenhydrate werden mit ausreichend Wasser deutlich besser aufgenommen. Gels ohne Wasser können Probleme verstärken.
  • Produktwahl: Achte auf die Zutatenliste. Maltodextrin plus Fructose oder Glucose plus Fructose sind gute Zeichen. Nur Maltodextrin oder nur Glucose reichen bei höheren Mengen nicht aus.
  • Training vor dem Wettkampf: Teste dein Fueling-System immer erst in langen Einheiten, nie zum ersten Mal im Rennen.

Wer 120 Gramm pro Stunde als langfristiges Ziel anpeilt, sollte das nüchtern einordnen: Nicht jeder braucht diese Menge. Für einen Freizeitläufer mit Fünf-Stunden-Marathon und niedrigerer Intensität liegt das optimale Fenster womöglich bei 80 bis 90 Gramm. Entscheidend ist, dass du deine persönliche Grenze systematisch auslotst und nicht pauschal einer Zahl nachjagst.

Die alte Regel war nie wirklich eine biologische Grenze. Sie war eine Grenze dessen, was trainierte Körper ohne Vorbereitung verarbeiten konnten. Mit gezieltem Darmtraining verschiebt sich diese Grenze erheblich. Das ist keine Revolution im Wettkampf, sondern eine im Training. Wer diese Anpassungen strukturiert in seinen Trainingsalltag integriert, kann auch bei Hydration und Trinken beim Laufen gezielter vorgehen und das gesamte Fueling-System aufeinander abstimmen.