Running

5 wissenschaftliche Strategien gegen den Hungerast im Marathon

Neue Daten von 873.000 Berlin-Marathon-Finishern zeigen: Mit 5 konkreten Strategien kannst du den gefürchteten Hungerast zuverlässig verhindern.

Exhausted runner at mile 20 of a marathon, hunched forward with grimace showing the wall.

Was die Daten von 873.000 Berlin-Marathon-Finishern über den Hungerast verraten

Forscher haben die Ergebnisse von knapp einer Million Berlin-Marathon-Läufen ausgewertet und dabei den Hungerast erstmals wissenschaftlich präzise definiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer in der zweiten Hälfte um 20 Prozent oder mehr langsamer wird, hat die Wand getroffen. Diese klare Benchmark gibt dir endlich einen konkreten Maßstab, gegen den du trainieren kannst.

Besonders aufschlussreich ist, wie häufig dieses Muster auftritt. Ein erheblicher Teil der Finisher erlebt einen dramatischen Einbruch zwischen Kilometer 30 und 40. Das ist kein Zufall und auch keine Frage der Willenskraft. Dahinter steckt Physiologie, und die lässt sich mit den richtigen Strategien gezielt beeinflussen.

Das Gute daran: Du musst keine neue Sportart lernen. Du musst nur verstehen, was deinen Körper in diesen letzten Kilometern in die Knie zwingt, und dann fünf klare Stellschrauben drehen. Genau das zeigen dir die folgenden Abschnitte.

Pacingstrategie: Der größte Hebel gegen den Einbruch

Die Daten aus Berlin zeigen unmissverständlich: Pacing ist der wichtigste Faktor, wenn es darum geht, die Wand zu vermeiden. Wer in der ersten Hälfte nur fünf bis zehn Sekunden pro Kilometer zu schnell läuft, erhöht das Bonk-Risiko dramatisch. Das klingt wenig, summiert sich aber über 21 Kilometer zu einem erheblichen Kaloriendefizit in deinen Glykogenspeichern.

Der menschliche Körper hat eine begrenzte Kapazität für Glykogen, etwa 400 bis 500 Gramm im Muskelgewebe und in der Leber. Bei zu hohem Tempo verbrennst du diesen Treibstoff unverhältnismäßig schnell. Das Ergebnis: Kurz nach der 30-Kilometer-Marke greift der Körper auf Fett zurück, was deutlich weniger effizient ist und dein Tempo unweigerlich einbrechen lässt.

Die praktische Lösung ist ein negatives oder exakt gleichmäßiges Split-Muster. Plane die erste Hälfte bewusst fünf Sekunden pro Kilometer langsamer als dein Zieltempo. Was sich in den ersten 15 Kilometern frustrierend langsam anfühlt, wird dich in den letzten zehn Kilometern jubeln lassen. Nutze Laufen ohne GPS-Uhr im Training, um ein sicheres Gefühl für diese Tempodisziplin zu entwickeln.

Fettstoffwechsel trainieren und Glykogen schonen

Dein Körper kann lernen, bei einem bestimmten Tempo effizienter Fett zu verbrennen. Das reduziert den Verbrauch aus deinen Glykogenspeichern und schiebt den Punkt, an dem sie leergezogen werden, weiter nach hinten. Der Weg dahin führt über zwei spezifische Trainingsreize.

Erstens: Lange, lockere Läufe im Grundlagenbereich. Wer regelmäßig 25 bis 35 Kilometer bei niedriger Intensität läuft, trainiert die mitochondriale Dichte und die Fettoxidationsrate gleichzeitig. Der Schlüssel ist, wirklich langsam zu laufen. Viele Läufer machen ihre langen Läufe zu schnell und verpassen dabei genau den Trainingsreiz, der den Fettstoffwechsel verbessert.

Zweitens: Gelegentliche Low-Carb-Longruns können den Effekt verstärken. Dabei startest du deinen langen Lauf mit niedrigen Kohlenhydratspeichern, zum Beispiel morgens nüchtern oder nach einem kohlenhydratarmen Abendessen. Das zwingt den Körper, früher auf Fettreserven zurückzugreifen, und macht ihn auf Dauer effizienter. Maximal einmal alle zwei bis drei Wochen einsetzen, da diese Einheiten die Erholung verlängern.

Kohlenhydratloading und Renntag-Fueling: Die zweite Verteidigungslinie

Selbst wenn du am Renntag nicht perfekt paced, kannst du mit einer durchdachten Ernährungsstrategie gegensteuern. In den zwei bis drei Tagen vor dem Marathon geht es darum, die Glykogenspeicher bis zur Grenze zu füllen. Das bedeutet konkret: 8 bis 12 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Reis, Nudeln, Kartoffeln und Haferflocken sind deine besten Verbündeten.

Während des Rennens ist aggressives Fueling entscheidend. Die aktuelle Sporternährungswissenschaft empfiehlt 60 bis 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde für Marathonläufer. Das entspricht etwa zwei bis drei Gelen pro Stunde, je nach Produkttyp. Wer die obere Grenze von 90 Gramm anpeilt, sollte auf eine Kombination aus Glukose und Fruktose achten, da der Darm diese über unterschiedliche Transportwege aufnimmt und so die Gesamtaufnahme erhöht.

Trainiere deine Darmtoleranz gezielt. Wer beim Rennen zum ersten Mal vier Gele pro Stunde nimmt, riskiert Magenprobleme. Führe dasselbe Fueling-Protokoll bereits in deinen langen Trainingsläufen durch. Dein Verdauungssystem passt sich an, genau wie deine Muskeln. Teste außerdem die Produkte, die auf der Rennstrecke angeboten werden, damit du keine unbekannten Gele oder Getränke schlucken musst.

Mentale Vorbereitung: Die unterschätzte Waffe gegen die Wand

Die Physiologie erklärt, warum der Körper einbricht. Aber sie erklärt nicht vollständig, warum manche Läufer trotzdem durchhalten und andere aufgeben oder massiv abbremsen. Der Unterschied liegt häufig im Kopf. Mentale Rehearsal-Techniken, die aus dem Leistungssport bekannt sind, lassen sich direkt auf das Marathonlaufen übertragen.

Stell dir konkret vor, wie du dich zwischen Kilometer 32 und 38 fühlen wirst. Die Beine werden schwer sein. Das Tempo wird sich falsch anfühlen. Genau dieses Szenario mental durchzuspielen, erzeugt eine Art psychologische Impfung. Wenn der Moment kommt, erkennst du ihn als vorhergesehen und nicht als Katastrophe. Das reduziert Panik und hält dich in einer handlungsfähigen Haltung. Studien zeigen dabei, dass Frauen mit der Marathonwand besser umgehen — vor allem wegen disziplinierterem Pacing in genau diesen Momenten.

Ergänzend dazu solltest du in deinen harten Trainingseinheiten bewusst Unwohlsein aushalten lernen. Tempoläufe und Marathonpaceläufe am Ende langer Einheiten sind dafür ideal. Wer in der Vorbereitung regelmäßig in den Bereich geht, wo es wehtut, und dennoch die Form hält, baut genau die Widerstandsfähigkeit auf, die er in Kilometer 38 braucht. Das ist kein Geheimnis. Es ist gezieltes Training für das Nervensystem und den Geist, nicht nur für die Muskeln.

  • Gleichmäßiges oder negatives Splitting: Plane die erste Hälfte bewusst etwas langsamer als dein Zieltempo.
  • Fettstoffwechselläufe: Mindestens ein langer, echter Grundlagenlauf pro Woche bei niedriger Intensität.
  • Gelegentliche Low-Carb-Longruns: Maximal alle zwei bis drei Wochen, um die Fettverbrennung zu schulen.
  • Kohlenhydratloading: Zwei bis drei Tage vor dem Rennen gezielt Speicher auffüllen.
  • Aggressives Renntag-Fueling: 60 bis 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde, trainiert ab dem ersten langen Lauf.
  • Mentales Rehearsal: Die schwierigen Kilometer vorab visualisieren und Diskomfort im Training üben.