Was Jessie Diggins' Debütsieg wirklich bedeutet
Im Herbst 2023 gewann Jessie Diggins den Superior Fall Trail Race, einen 100-Meilen-Ultramarathon in Minnesota, bei ihrem allerersten Versuch auf dieser Distanz. Keine lange Vorbereitungsphase im Ultrabereich, keine jahrelange Erfahrung auf technischem Trail. Und trotzdem: Platz eins.
Für viele war das eine Überraschung. Für alle, die verstehen, wie Ausdauerleistung wirklich funktioniert, war es das nicht. Diggins ist eine der besten Langläuferinnen der Welt, Olympiasiegerin und mit einem Ausdauermotor ausgestattet, der schlicht außergewöhnlich ist. Ihr Sieg war kein Zufall. Er war das logische Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit an genau den Qualitäten, die beim Ultrarunning entscheiden.
Was das für dich bedeutet: Die Prinzipien, die hinter diesem Erfolg stecken, sind nicht nur für Weltklasseathleten relevant. Sie sind direkt auf dein eigenes Training übertragbar. Du musst kein Profi sein, um davon zu profitieren.
Langlauf, VO2max und die Maschine dahinter
Langlauf ist eine der physiologisch anspruchsvollsten Ausdauerdisziplinen überhaupt. Die Ganzkörperbewegung, das Gelände, die Intensitätswechsel auf Auf- und Abstiegen. Das alles trainiert sowohl die aerobe Kapazität als auch die Laktattoleranz auf einem Niveau, das kaum eine andere Sportart erreicht. Diggins hat über Jahre einen VO2max aufgebaut, der im absoluten Spitzensegment liegt.
Und genau dieser Motor macht den Unterschied beim Ultramarathon. Wer über eine hohe aerobe Basis verfügt, kann bei moderater Intensität deutlich schneller laufen, ohne in den roten Bereich zu geraten. Das bedeutet: weniger Einbrüche, bessere Regeneration zwischen den Sektionen, stabilere Pace über 15, 20 oder 30 Stunden.
Dazu kommt die Laktattoleranz. Technisches Berggelände zwingt selbst erfahrene Ultraläufer immer wieder in kurze, intensive Belastungsspitzen. Wer wie eine Langläuferin trainiert hat, steckt diese Spitzen weg, ohne dass die Gesamtleistung leidet. Der Körper kennt dieses Muster bereits.
Warum du dein Training nicht auf Laufen beschränken solltest
Das größte Missverständnis im Läuferalltag ist die Idee, dass man ausschließlich laufen muss, um besser im Laufen zu werden. Natürlich ist laufspezifisches Training wichtig. Aber die aerobe Grundlage, die dich wirklich trägt, kannst du auch auf dem Rad aufbauen, beim Wandern, beim Skaten oder eben beim Skilanglauf.
Radfahren zum Beispiel baut deine Ausdauerkapazität ohne die Schlagbelastung durch das Laufen. Das macht es ideal für intensive Trainingswochen, in denen dein Bewegungsapparat schon viel abbekommt. Wandern mit Höhenmetern trainiert die Hüftbeuger und Gesäßmuskeln auf eine Art, die selbst langes Laufen kaum erreicht. Und beides steigert direkt deine Leistungsfähigkeit auf dem Trail.
Die Konsequenz für dein Training:
- Ergänze deine Laufwochen mit Radeinheiten, besonders in Phasen hoher Gesamtbelastung.
- Nutze Wanderungen mit Gepäck als aktive Regeneration mit echtem Trainingseffekt.
- Im Winter: Klassischer Skilanglauf oder Skating sind keine Laufpause. Sie sind eine Investition in deinen nächsten Wettkampf.
- Vermeide das Silo-Denken. Dein Herz-Kreislauf-System interessiert sich nicht dafür, auf welchem Untergrund du trainierst.
Eliteläufer und -läuferinnen, die langfristig auf hohem Niveau bleiben, tun das fast ausnahmslos. Kilian Jornet, der dominanteste Trailrunner der letzten zwei Jahrzehnte, verbringt erhebliche Trainingszeit auf Skiern. Courtney Dauwalter, zweifache Western States Siegerin, nutzt Radfahren aktiv als Teil ihres Ausdaueraufbaus. Das ist kein Zufall und keine Luxus-Option. Es ist Strategie.
Mentale Staerke und Periodisierung entscheiden mehr als du denkst
Was Crossover-Athleten wie Diggins von spezialisierten Ultraläufern unterscheidet, ist oft weniger die Physiologie als die mentale Architektur. Wer jahrelang in einem Hochleistungssport trainiert hat, kennt Schmerz. Kennt das Gefühl, wenn der Körper aussteigen will, aber der Kopf weitermacht. Diese Fähigkeit ist nicht sportartspezifisch. Sie ist eine Kompetenz.
Langlaufrennen fordern genau das. Ein 50-Kilometer-Rennen im Klassisch-Stil über Stunden in der Kälte, mit Muskelversagen am Ende der letzten Abfahrt. Wer das kennt, weiß auch bei Kilometer 130 eines Ultramarathons, dass Phasen extremer Erschöpfung vergehen. Dieses Wissen ist bare Münze, wenn es um Durchhaltevermögen geht.
Dazu kommt die strukturierte Periodisierung, die im Spitzensport Standard ist. Diggins und ihre Trainingskollegen bauen ihre Saison in klar definierten Phasen auf: Grundlagenarbeit, aufbauende Belastung, Intensivierung, Tapering. Dieses Modell funktioniert auch für dich als ambitionierten Hobbyläufer oder Altersklassenathlet.
Was du konkret mitnehmen kannst:
- Trainiere in Blöcken mit klarem Ziel. Nicht jede Woche soll alles sein. Einige Wochen sind für Volumen, andere für Intensität, andere für Erholung.
- Baue Schmerzkompetenz auf. Das bedeutet, gezielt in unangenehmen Trainingssituationen zu bleiben. Tempoläufe, Bergsessions, lange Nüchternläufe. Nicht um dich zu quälen, sondern um deinem Kopf beizubringen, dass er weiterarbeiten kann.
- Respektiere das Tapering. Diggins lief einen 100-Meiler bei ihrem Debüt auch deshalb so stark, weil sie ausgeruht an die Startlinie kam. Mehr Training in den letzten zwei Wochen bringt nichts mehr, kostet aber alles.
Elite-Crossover-Siege wie der von Diggins zeigen: Sportartspezifische Erfahrung wird bei Ultra-Distanzen überbewertet. Was zählt, ist die Qualität der Ausdauerbasis, die Fähigkeit zur Selbstregulation und ein strukturiertes Vorgehen im Trainingsaufbau. All das ist erlernbar. Und keines davon ist an eine einzige Disziplin gebunden.