Running

Paris-Marathon: Kann er wirklich ein World Major werden?

Der Marathon de Paris will offiziell ein World Marathon Major werden. Ob die Ambitionen mit der Realität mithalten können, ist eine andere Frage.

Paris träumt laut. Aber reicht der Traum?

Der Marathon de Paris ist nicht irgendein Stadtlauf. Mit rund 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, einer ikonischen Strecke vom Arc de Triomphe bis zur Avenue Foch und einer Tradition, die bis ins Jahr 1976 zurückreicht, gehört er zu den bekanntesten Marathons der Welt. Und trotzdem fehlt ihm genau ein Titel: World Marathon Major.

Das soll sich ändern. Die Verantwortlichen hinter dem Rennen haben den Aufstieg in den exklusiven Kreis der Abbott World Marathon Majors (AWMM) öffentlich als strategisches Ziel benannt. Kein internes Memo, keine halbherzige Vision. Eine klare, nach außen kommunizierte Ambition. Die Frage ist nur: Reicht die Ambition allein?

Aktuell umfasst der Majors-Kreis sechs Rennen. Boston, Tokyo, London, Berlin, Chicago und New York. Jedes davon steht für ein bestimmtes Versprechen. Geschwindigkeit, Geschichte, Tiefe des Feldes, globale Reichweite. Paris muss in allen vier Kategorien gleichziehen. Und das ist komplizierter als es klingt.

Was die Majors ausmacht. Und wo Paris noch Lücken hat.

Die Abbott World Marathon Majors sind kein reiner Popularitätswettbewerb. Das System bewertet Rennen nach einer Kombination aus Kriterien, die zusammen eine Art Qualitätsstandard definieren. Elitefeld, Broadcast-Reichweite, Teilnehmervolumen, Markenbekanntheit auf globalem Niveau und organisatorische Infrastruktur. Paris erfüllt einige dieser Kriterien. Andere sind noch Baustelle.

Das Elitefeld ist ein zentrales Thema. Rennen wie London oder Berlin setzen jedes Jahr Maßstäbe. Die schnellsten Männer und Frauen der Welt, Weltrekordversuche, hochkarätige Agenturbindungen. Paris hat in den letzten Jahren investiert. Aber die Tiefe des Feldes, also die Qualität nicht nur der Top-3, sondern der gesamten Führungsgruppe, erreicht noch nicht das Niveau der etablierten Majors. Das ist kein vernichtendes Urteil. Es ist ein realistischer Befund.

Dazu kommt das Thema Broadcast. Berlin und London werden weltweit übertragen, live, auf großen Sendern, mit professioneller Sportproduktion. Paris hat Reichweite in Frankreich. Aber die globale Fernsehpräsenz, die einem Major würdig wäre, fehlt noch. Wer den Marathon de Paris außerhalb Europas im Live-Stream verfolgen will, merkt schnell, wo die Grenzen liegen.

Der Kalender wird enger. Der Druck auf Paris steigt.

Was die Situation für Paris zusätzlich verkompliziert: Der globale Marathonkalender ist in Bewegung. Sydney hat Ambitionen angemeldet. Für London 2027 gibt es neue strategische Ankündigungen rund um den Ausbau des Rennerlebnisses. Die Welt des Langstreckenlaufs wächst und verdichtet sich gleichzeitig. Der Platz am Tisch der Majors ist endlich.

Wenn Paris zu lange wartet oder zu langsam liefert, rücken andere nach. Das ist keine Theorie. Das ist die Logik eines globalen Sports, der gerade einen echten Boom erlebt. Die Startplätze bei den Majors sind heiß begehrt, die Sponsoren folgen dem Status, und der Status folgt dem Produkt. Paris muss das Produkt weiterentwickeln, nicht nur die PR-Strategie.

Was Paris auf der Haben-Seite mitbringt, ist real. Keine andere europäische Stadt kombiniert Tourismus, Identität und Sportkultur so selbstverständlich wie Paris. Das Olympia-Jahr 2024 hat gezeigt, was möglich ist, wenn die Stadt sich wirklich in den Sport hineinfühlt. Dieses Momentum zu nutzen und in nachhaltige Raceday-Qualität umzuwandeln, das wäre die eigentliche Aufgabe.

Was Paris konkret tun müsste, um es ernst zu meinen.

Worte sind eine Sache. Strukturen sind eine andere. Wenn der Marathon de Paris den Majors-Status nicht nur anstrebt, sondern verdienen will, braucht es konkrete Schritte. Kein Fünfjahresplan in der Schublade. Sichtbare Investitionen, die das Rennen jede Saison messbarer machen.

Ein paar Bereiche, in denen Paris liefern müsste:

  • Elitefeld ausbauen: Mehr Preisgeld, aktivere Agentenkontakte, bessere Startgarantien für die Weltspitze. Nicht nur die Sieger locken, sondern das gesamte Führungsfeld upgraden.
  • Broadcast-Deal ausweiten: Partnerschaften mit internationalen Sendern oder Streaming-Plattformen, die den Renntag global sichtbar machen. Ohne Reichweite kein globaler Status.
  • Teilnehmererfahrung auf Major-Niveau bringen: Logistik, Startblöcke, Pace-Gruppen, Finisher-Erlebnis. Die großen Majors setzen Standards, die Paris noch nicht überall erreicht.
  • Kontinuität zeigen: Majors werden nicht nach einem starken Jahr vergeben. Die AWMM schaut auf konstante Qualität über mehrere Zyklen hinweg. Paris braucht einen langen Atem.
  • Internationale Starterzahlen steigern: Der Anteil internationaler Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist ein Indikator für globale Anziehungskraft. Paris ist touristisch unschlagbar positioniert. Dieses Potenzial muss sich in den Starterlisten niederschlagen.

Das ist keine utopische Liste. Es ist ein realistischer Fahrplan, der aber echtes Commitment erfordert. Commitment, das über Pressemitteilungen hinausgeht.

Paris hat alles, was ein Major braucht. Fast. Die Stadt, die Strecke, die Geschichte, das Publikum. Was noch fehlt, ist die konsequente Professionalisierung auf allen Ebenen, die die Konkurrenz über Jahrzehnte aufgebaut hat. Das lässt sich nachholen. Aber nicht übers Wochenende. Wie der neue Veranstalter das angehen will, hat Cadence Running United bereits öffentlich skizziert.