Running

Toni McCann: Exzellenz statt Perfektion im Trail

Toni McCann zeigt, warum Exzellenz im Trailrunning gesünder und nachhaltiger ist als die Jagd nach Perfektion. Ein Denkansatz für alle Level.

Trail runner in motion on a misty forest path bathed in warm golden morning light.

Warum Perfektion im Trailrunning dein schlimmster Feind ist

Toni McCann ist eine der interessantesten Stimmen im modernen Trailrunning. In einem ausführlichen Gespräch, das am 3. Oktober 2026 veröffentlicht wurde, sprach sie offen darüber, wie sie sich von einem perfektionistischen Denkmodell verabschiedet hat. Nicht weil sie aufgehört hat, ambitioniert zu sein. Sondern weil sie gemerkt hat, dass Perfektion und Leistung sich auf Dauer gegenseitig zerstören.

Ihr Ansatz ist klar: Sie verfolgt keine perfekten Einheiten, keine makellosen Rennen, keine fehlerfreien Trainingswochen. Sie verfolgt Exzellenz. Und das ist ein grundlegender Unterschied. Exzellenz bedeutet für McCann, konstant nach dem Besten zu streben, was in einem bestimmten Moment möglich ist. Perfektion hingegen kennt nur eine einzige Messlatte: alles oder nichts.

Für Trailrunnerinnen und Trailrunner auf jedem Level ist diese Unterscheidung entscheidend. Wer ausschließlich auf perfekte Ergebnisse fixiert ist, verlässt das Training frustriert, sobald etwas nicht wie geplant läuft. Und auf dem Trail läuft fast nie alles wie geplant. Das Wetter ändert sich. Der Untergrund überrascht dich. Dein Körper hat andere Pläne. Genau hier beginnt die eigentliche mentale Arbeit.

Was die Forschung über Perfektionismus bei Ausdauersportlern sagt

Perfektionismus klingt zunächst wie eine Tugend. Du willst das Beste aus dir herausholen, du gibst nicht auf, du stellst hohe Ansprüche an dich selbst. Das Problem: Sportpsychologische Studien zeigen konsequent, dass Ausdauersportler mit stark perfektionistischer Grundhaltung deutlich häufiger aufhören oder sich verletzen als jene, die sich an einem prozessorientierten Exzellenzgedanken orientieren.

Der Grund dafür liegt in der Art, wie Perfektionismus auf Misserfolge reagiert. Ein schlechter Trainingstag wird nicht als Information verarbeitet, sondern als persönliches Scheitern interpretiert. Das führt zu einer Abwärtsspirale: Übertraining, weil du den schlechten Tag unbedingt korrigieren willst. Oder vollständiger Rückzug, weil das Ziel ohnehin unerreichbar scheint. Beides erhöht das Verletzungsrisiko erheblich.

Athleten, die hingegen auf Exzellenz ausgerichtet sind, zeigen eine deutlich höhere Resilienz. Sie können schlechte Einheiten einordnen, ohne ihre Identität daran zu knüpfen. Sie bleiben langfristig im Sport. Und sie entwickeln über Jahre hinweg eine Konstanz, die perfektionistisch denkende Sportler selten erreichen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert Ludovic Pommeret mit 50 Jahren, der zeigt, was langfristige Konstanz über Jahrzehnte bedeuten kann. McCann beschreibt diesen Effekt mit einem einfachen Satz: „Ein schlechter Tag im Training ist keine Niederlage. Er ist ein Datenpunkt."

Exzellenz im Alltag: Drei konkrete Denkverschiebungen

Wie sieht das in der Praxis aus? Der Unterschied zwischen Perfektionismus und Exzellenz zeigt sich nicht in großen Momenten. Er zeigt sich in der Art, wie du auf eine misslungene Intervalleinheit reagierst. Oder wie du mit dir selbst sprichst, wenn du einen Anstieg langsamer läufst als geplant.

Hier sind drei konkrete Verschiebungen, die dir helfen, den Exzellenzgedanken in dein Training zu integrieren:

  • Schlechte Trainingstage als Daten lesen, nicht als Fehler. Frag dich nach einer schwierigen Einheit: Was sagt mir das über meinen aktuellen Erholungsstand, meine Ernährung, meinen Schlaf? Eine Antwort auf diese Frage bringt dich weiter als Selbstkritik.
  • Aufwandsbasierte Ziele neben ergebnisbasierte Ziele stellen. Du kannst ein Rennergebnis nicht vollständig kontrollieren. Aber du kannst kontrollieren, wie konsequent du deine Vorbereitung umsetzt, wie du mit schwierigen Passagen umgehst, wie du dein Tempo in der zweiten Rennhälfte managst. Diese Ziele gehören gleichberechtigt in deine Planung.
  • Den Prozess explizit wertschätzen. Schreib nach einem Lauf nicht nur auf, wie weit oder wie schnell du warst. Schreib auf, was gut funktioniert hat. Was sich gut angefühlt hat. Was du das nächste Mal anders machen möchtest. Diese kleine Gewohnheit verschiebt deinen Fokus vom Ergebnis auf das Lernen.

McCann betont, dass diese Verschiebungen keine Ausrede sind, um weniger zu fordern. Du forderst weiterhin viel von dir. Aber du forderst es auf eine Art, die nachhaltig ist. Die dir erlaubt, in zehn Jahren noch auf dem Trail zu sein.

Warum dieser Ansatz gerade fur Trailrunner so relevant ist

Trailrunning ist eine Sportart, die Kontrolle per Definition einschränkt. Du kannst dich nicht auf einen gleichmäßigen Asphaltuntergrund verlassen. Wetterkapriolen, technisches Gelände, unerwartete Aufstiege. Der Trail ist eine ständige Einladung, mit Unvorhergesehenem umzugehen. Ein perfektionistisches Mindset ist in diesem Kontext nicht nur nutzlos. Es ist aktiv hinderlich.

Wer exzellenzorientiert denkt, bringt stattdessen eine grundlegende Flexibilität mit. Er oder sie kann einen Plan in Echtzeit anpassen, ohne in Panik zu verfallen. Kann einen schwierigen Abschnitt als Herausforderung sehen, nicht als Bedrohung des geplanten Ergebnisses. Diese mentale Wendigkeit ist auf dem Trail genauso wichtig wie die körperliche Fitness – besonders wenn sich Bedingungen kurzfristig ändern, wie Läufer bei veränderten Herbstrennstrecken immer wieder erleben.

McCann spricht in diesem Zusammenhang von einem „adaptiven Ehrgeiz". Gemeint ist ein Ehrgeiz, der stark genug ist, um dich anzutreiben, aber flexibel genug, um sich den realen Bedingungen anzupassen. Das klingt einfach. In der Praxis erfordert es aber eine bewusste Entscheidung, die du immer wieder neu treffen musst. Nicht einmal beim Saisonauftakt, sondern am Mittwochmorgen um sechs Uhr, wenn das Training miserabel läuft und du liebend gerne einfach nach Hause gehen würdest.

Genau dann zeigt sich, welchem Mindset du wirklich folgst. Und genau dann lohnt es sich, an McCanns Ansatz zu erinnern: Du läufst nicht, um perfekt zu sein. Du läufst, um besser zu werden. Schritt für Schritt, Trail für Trail.