Nutrition

Ultratrail-Ernährung: Die Risiken reiner Zuckerstrategie

Wer beim Ultra-Trail nur auf Gels und Zucker setzt, riskiert Magenprobleme und Einbrüche. Sportmediziner empfehlen eine gemischte Fueling-Strategie.

Ultra-trail runner's hand holding a whole date and energy gel packet mid-stride on a mountain trail.

Wenn Zucker zum Problem wird: Was Sportmediziner wirklich warnen

Gels, Riegel, isotonische Getränke. Wer bei einem Ultra-Trail an die Verpflegungsstationen kommt, findet fast überall dasselbe: schnelle Kohlenhydrate in konzentrierter Form. Für viele Amateurläufer ist das die selbstverständliche Wahl, weil diese Produkte einfach zu handhaben sind und die Sporternährungsindustrie sie seit Jahren als Standard etabliert hat.

Doch Sportmediziner schlagen zunehmend Alarm. Wer bei Belastungen von sechs, zehn oder gar zwanzig Stunden ausschließlich auf einfache Zucker setzt, riskiert nicht nur eine schlechte Performance, sondern handfeste gesundheitliche Probleme. Das betrifft vor allem den Magen-Darm-Trakt, den Blutzucker und die Energiestabilität in der zweiten Rennhälfte.

Dr. Stefan Neumann, Sportmediziner und selbst passionierter Trailrunner, bringt es auf den Punkt: „Der Körper verarbeitet hochkonzentrierte Zuckerlösungen unter Erschöpfung ganz anders als im Labor oder auf einem Radergometer. Der Darm ist gestresst, die Durchblutung wandert in die Muskeln, und das Ergebnis ist oft Übelkeit, Krämpfe oder kompletter Abbruch." Das ist kein Randphänomen. Es ist eines der häufigsten Gründe, warum Läufer beim Ultra DNF stehen.

Was im Darm passiert, wenn du nur auf Gel und Co. setzt

Bei intensiver Ausdauerbelastung reduziert der Körper die Durchblutung des Verdauungstrakts drastisch, um die arbeitende Muskulatur zu versorgen. Gleichzeitig soll der Magen-Darm-Trakt aber weiterhin Energie aufnehmen und verarbeiten. Dieser Konflikt ist das Grundproblem der Rennernährung.

Einfache Zucker, besonders Fruktose in hoher Konzentration, überfordern bei langen Belastungen die spezifischen Transportermoleküle im Dünndarm. Das Ergebnis: unverdauter Zucker gelangt in den Dickdarm, zieht Wasser nach sich und verursacht Blähungen, Krämpfe und Durchfall. Genau das erklärt, warum viele Läufer zwischen Kilometer 50 und 70 plötzlich nicht mehr weiterfressen können, obwohl sie Kalorien dringend bräuchten.

Dazu kommt das Blutzuckerproblem. Wer alle 30 Minuten ein Gel schluckt, erzeugt wiederholt Insulinspitzen. Bei langsamem Gehtempo oder einer kurzen Pause am Checkpoint kann der Blutzucker dann regelrecht einbrechen. Dieses Muster, bekannt als reaktive Hypoglykämie, führt zu Schwindel, mentaler Leere und dem klassischen „Wall" im Ultrabereich. Nicht Willenskraft fehlt dann. Es fehlt Glukose im Gehirn.

Fettadaptation und gemischte Substrate: Was die Forschung jetzt sagt

Die Sportwissenschaft hat in den letzten Jahren einen klaren Schwenk vollzogen. Während früher die Kohlenhydratmaximierung als einzige valide Strategie galt, zeigen aktuelle Studien, dass fettadaptierte Athleten bei Belastungen über vier bis sechs Stunden metabolische Vorteile genießen, die kohlenhydratfokussierte Ernährung nicht bieten kann.

Fettadaptation bedeutet nicht Low-Carb im Rennen. Es bedeutet, dass der Körper durch entsprechendes Training und Ernährung gelernt hat, Fettreserven effizienter zu mobilisieren und zu verbrennen. Ein gut trainierter Ultraläufer kann so 70 bis 80 Prozent seiner Energie bei mäßiger Intensität aus Fett beziehen. Das schont die begrenzten Glykogenspeicher für harte Anstiege und schützt vor dem Einbruch.

Das Konzept der gemischten Substratstrategie verbindet das Beste aus beiden Welten. Schnelle Kohlenhydrate für explosive Momente und steile Aufstiege. Langsam verfügbare Energiequellen und Fette für das stundenlange Grundtempo. Praktisch übersetzt: Ein Gel am steilen Anstieg ist sinnvoll. Ein Gel alle 30 Minuten über zehn Stunden ist eine Einladung zum Systemkollaps.

Praktische Rennernährung: Wie du deinen Fueling-Plan wirklich aufbaust

Die gute Nachricht: Du musst deine Ernährung nicht komplett neu erfinden. Aber du solltest sie erweitern. Ein solider Ultra-Fueling-Plan kombiniert verschiedene Quellen und passt die Zufuhr an den Intensitätsverlauf des Rennens an.

Einige Grundprinzipien, die in der Praxis gut funktionieren:

  • Variiere deine Kohlenhydratquellen. Statt ausschließlich Gels: Reisbällchen, Kartoffeln mit Salz, Bananen oder harte Kekse. Diese liefern gemischte Zucker und enthalten oft natürliche Elektrolyte.
  • Kombiniere schnelle und langsame Carbs. Ein Gel zusammen mit einem Stück echtem Essen verlangsamt die Aufnahme und verhindert Insulinspitzen.
  • Elektrolyte konsequent ergänzen. Natrium, Magnesium und Kalium sind bei langen Rennen entscheidend, besonders bei Hitze. Sie stabilisieren auch die Magenentleerung.
  • Plane feste Mahlzeiten ein. Bei Rennen über acht Stunden sollten mindestens zwei bis drei Checkpoints für echte Nahrung genutzt werden. Suppe, Brühe, Reis oder Nudeln sind klassische Ultrarunning-Bewährungsproben aus gutem Grund.
  • Trainiere deinen Darm. Die Fähigkeit, unter Belastung zu essen, ist trainierbar. Langer Trainingslauf ohne Essen ist keine Vorbereitung. Langer Trainingslauf mit gezieltem Fueling ist Rennvorbereitung.

Besonders Amateurläufer unterschätzen diesen letzten Punkt. Die meisten testen ihre Ernährung nicht im Training, sondern kaufen dasselbe, was die Profis im Werbevideo halten. Das Ergebnis ist dann die erste unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Porta-Klo bei Kilometer 45. Wer das vermeiden will, sollte seinen Darm systematisch auf Ausdauerbelastung vorbereiten, lange bevor der Startschuss fällt.

Die Produktwelt der Sporternährung ist auf schnelle, einfache Lösungen ausgerichtet. Das ist verständlich. Aber bei einem Ultra bist du kein Sprinter, der 45 Minuten läuft. Du bist ein mobiles Energiesystem, das über viele Stunden stabil laufen muss. Das erfordert ein differenzierteres Denken als „alle 45 Minuten ein Gel".

Wenn du deinen nächsten Ultra planst, lohnt es sich, einen Sportmediziner oder zertifizierten Sporternährungsberater hinzuzuziehen. Eine individuelle Analyse deiner Intensitätszonen, deines Schweißverlustes und deiner Magenverträglichkeit unter Belastung ist weit wertvoller als jeder generische Ernährungsplan aus dem Internet. Und sie könnte der Unterschied sein zwischen dem Zieleinlauf und dem Sanitätszelt.